Schweden

Roadtrip von Malmö nach Lappland

Von Mariager kommend, fahre ich über die E 45, vorbei an Middelfort und auf der E 20 über die achtzehn Kilometer lange Storebælt Brücke. Von dort geht es über Kopenhagen und Malmö nach Schweden. Ziel ist Havängsdösen, wo sich mehrere Grabstätten aus der Winkingerzeit befinden. Eines der megalithischen Gräber wirkt wie eine Miniaturausgabe von Stonehenge. Am Abend zeigt sich hier wieder die Sonne, so dass ich meinen Pullover im Auto lassen kann. Auf einer Wiese schlage ich mein Nachtlager auf. Zum Weiterfahren wäre ich ohnehin zu müde. KM: 1627

Öland ist Windmühlenland

Das erste was einem auffällt, wenn man über Algutsrum auf die Insel kommt,  sind die unzähligen Bockwindmühlen, von denen einige über zweihundert Jahre alt, andere jedoch jüngeren Datums sind. Bei einigen handelt es sich lediglich um Modelle und andere dienen als Werbeträger. Enige werden sogar als Wohnung und Feriendomizil genutzt.

Doch Skandinavier sind Camper. Viele kommen mit Wohnmobilen oder Zelten und verpflegen sich selbst. Dementsprechend rudimentär ist auch die touristische Infrastruktur. Am Morgen einen Kaffee oder ein kleines Frühstück zu besorgen, ist keine leichte Aufgabe. An dem einzigen Bäcker, auf dem man auf der Straße 136 Richtung Norden entlangkommt, müsste ich eine halbe Stunde warten um ein Brötchen oder ein Stück Kuchen in der Hand zu halten. Ich verzichte.

An der Nordspitze von Öland liegt der surreale Märchenwald Trollskogen. Alte Weiden, Kiefern und Eichen krümmen sich hier in den Winden der Küste. Moose und Efeu wuchern zwischen verrottenden Baumleichen. Die vielen alten, löchrigen Bäume und das tote Holz ist Heimat vieler Insekten, Baumpilze und Flechten. Schwarzspechte, Fichtenkreuzschnabel und die Weidenmeise sind in diesem einzigartigen Wald zu Hause.

Böda skogsjärnväg – Böda Wald-Eisenbahn

Das Industriezeitalter erreichte den Böda Kronopark, als zwischen 1908 und 1909 die Trollskogen Waldeisenbahn angelegt wurde. Auf der nur 60 Zentimeter breiten Spur zogen anfangs noch Pferde die mit Holz beladenen Wagen. 1910 wurde die Dampflokomotive „Mormor“ in Betrieb genommen. Die siebenundzwanzig Kilometer lange Linie war bis 1959 für den Transport in Betrieb. Dann hatten die Lastkraftwagen der Bahn den Rang abgefahren.

Doch am 21. Juli 1974 gründete sich der „Verein Böda Wald-Eisenbahn“ der es zum Ziel hatte eine Teilstrecke der Bahn wieder aufzubauen und zu befahren. Außerdem sollten einige Gegenstände, Loks und Wagen der alten Wald-Eisenbahnepoche im „Kronoparken“ erhalten werden. 1991 wurde die Arbeit zur Verlängerung der Bahn mit Hilfe enthusiastischer Mitglieder vom Tomtskog aus in nördliche Richtung begonnen. Die fertige Strecke, die bis zum Trollskogen Wald reicht, wurde am 21 Juli 1994 vom Kommunalrat der Kommune Borgholm eingeweiht. KM 2475

Schmalspuhrbahn Hultsfred–Västervik in Småland

Da ich einige Zeit in Dänemark gespart habe, nehme ich mir Zeit für einen Abstecher auf die Schmalspurbahn von Västervik nach Hultsfred. In den Sommermonaten wird hier ein regelmäßiger Verkehr mit Triebwagen aus dem Jahr 1950 angeboten. Durch dichte Wälder, vorbei an kleinen Ortschaften, mit den typischen rotbraunen Holzhäusern, durch felsige Schluchten in dunklen Wäldern und durch Seenlandschaften, lässt sich aus diesem kleinen Zug die Welt von Pippi Langstrumpf entdecken. Wie lange werden die Schwedenstahl-Triebwagen auf ihrer Zeitreise noch durch den schwedischen Sommer brummen?

Die Schweden scheinen eine Schwäche für dicke Stahlbleche zu haben. Vor wenigen Jahrzehnten war ja auch der Begriff „Schwedenstahl“ ein Synonym für ewig haltbare Autos oder andere robuste Geräte aus Stahl. Doch die Schweden lieben auch amerikanischen Stahl. Nirgendwo habe ich bisher eine solche Dichte an amerikanischen Straßenkreuzern gesehen. Viele davon in einem Zustand als wäre sie gestern vom Band gelaufen. Aber auch schwedische Automarken sind beliebt als Oldtimer. Von total gepimt, über rostige Ratte, bis zur perfekt restaurierten Wertanlage ist alles dabei. Nicht nur alte Männer, die sich einen Traum erfüllen. Auch junge Schwedinnen, die kaum zwanzig sind, steuern gern so ein Schiff über die Landstraßen hier draußen im Inland.

Abends trifft man sich mit den Oldies an der Tankstelle und dann werden die Fahrzeuge zu Lautsprecherboxen, die so aufgedreht werden, dass die Getränkedosen im Tankstellenshop aus den Regalen fallen. Megacool.
KM 3159

Echter Schwedenstahl von 1960.

Lost Place

Gestern Abend habe ich noch die Etappe von Verstervik nach Töckfors hinter mich gebracht und mir kurz vor dem Ziel an einem See ein ruhigen Platz für die Nacht gesucht. Am Morgen suche ich dann den Weg nach Bästnas, einem verlassenen Ort mitten im Wald.

In den 1950er Jahren, war der Import von Autos nach Norwegen derart hoch besteuert, dass es für Norweger fast unmöglich war, sich ein Auto zu kaufen. Kurioserweise war jedoch der Import von Einzelteilen nach Norwegen günstig und erlaubt.
Die Brüder Ivansson hatten in Bästnas eine Autowerkstatt. Doch in Bästnas gab und gibt es nicht genug Kunden für eine Werkstatt. Da das winzige Dorf nah genug an der norwegischen Grenze liegt, ersannen die Brüder die Idee Fahrzeuge auseinander zu bauen, die Einzelteile über die Grenze nach Norwegen zu transportieren und sie dort wieder zusammen zu bauen.
Das Geschäft lief gut. Als 1986 die Ivanssons ihr Geschäft aufgaben, warteten auf dem Gelände noch rund tausend Fahrzeuge darauf entweder ausgeschlachtet oder vollständig demontiert zu werden. In einer solchen Menge von Fahrzeugen fällt ein Auto mehr oder weniger nicht auf. So entsorgte im Lauf der Jahre auch der eine oder andere Schwede sein Altfahrzeug hier im Wald. Einige dieser Fahrzeuge tragen noch immer einen Aufkleber mit den S für Schweden.

Schweden Schrottplatz Bästnas
Båstnäs Car Gallery

Mitten im Wald und auf einer Wiese, stehen hunderte Fahrzeuge aus den fünfziger bis siebziger Jahren, die nun auf natürliche Weise abgebaut werden. Viele Käfer, Opel, Renault und andere Fahrzeuge, mir unbekannter Marken, werden von Bäumen umschlungen und von Moos überwachsen. Die Natur hat hier aus Schrott Kunst gemacht.

Orsa Grönklitt

Weiter geht die Fahrt nach Grönklitt zum „Björnpark“. Ja, Björn heißt Bär habe ich gelernt und lange überlegt, ob ich den Abstecher mache. Parks, Zoos und Gehege sind nicht so meins. Doch in diesem Park gibt es auch Wölfe. Da man diese auf einer Schweden Tour mit Sicherheit nicht zu sehen bekommt, obwohl sie auch hier heimisch sind, habe ich mich dann doch dazu entschieden. Grönklitt lag sowieso auf meiner Route. So hätte ich dort, mit Dusche und der inzwischen nötigen Steckdose, zum Laden der Akkus meiner Kamera, übernachten können. Leider schließt auch der Park im Sommer schon um fünf Uhr am Nachmittag. Bei einer, vom Navigationssystem berechneten Ankunftszeit um 16:17 Uhr, muss  ich mich echt beeilen. Das tue ich und bin mit einem schnellen Tankstopp um 15:21 Uhr auf dem Parkplatz des „Björnpark“. Schnell den Fotokrempel schultern und los. Äähhmm, wo bitte ist mein Terminer mit allem Geld und den Kreditkarten? Mir geht sofort ein Licht auf. An der Tankstelle musste alles ganz schnell gehen. Tanken, Essen kaufen und weiter. Den Terminer habe ich dort, als ich die Hände voll hatte, liegen lassen. Die Nummer der Tankstelle kann ich mit meinem Handy nicht erreichen, da ich die Vorwahl nicht kenne. Also improvisieren. Ich eile zum Tresen der Parkverwaltung und erkläre denen meine misslich Lage. Die geben mir die richtige Nummer und ich sage denen von der Tankstelle, dass ich später komme und den Terminer abhole. Der Angestellte der Parkverwaltung ist sogar so nett, lässt mich ohne zu zahlen hinein und lädt während dieser Zeit einen meiner leeren Akkus.

Die Freigehege in einer wildromantischen Schlucht sind riesig und sehen wirklich so aus, als wären die Tiere in freier Wildbahn. Was allerdings Leoparden und Eisbären hier zu suchen haben ist fraglich und natürlich ist artgerechte Haltung von Wildtieren ein Wiederspruch in sich. Die Wölfe haben sich gut vor mir versteckt. Ich habe keinen Wolf gesehen.

Aus meinem flauschigen Abend wir nichts, denn ich fahre nun über fünfhundert zusätzliche Kilometer, meine Kreditkarten holen. Einziger Trost. Ich fahre diesen unbeschreiblich schönen Teil des „Inlandsvägen“ noch zweimal.

60.000 Wildunfälle pro Jahr

Jeder der die Geschichten von den vielen Unfällen mit den Elchen kennt, ist natürlich bestrebt, so viele Kilometer wie möglich bei Tageslicht hinter sich zu bringen. Andererseits hat mir vor der Reise jemand anderes erzählt: „Wenn du in Schweden oder Norwegen Elche sehne willst, muss du in einen Elchpark gehen“. Außer den einen am Morgen im Wald, habe ich auch noch keinen gesehen.

Etwa dreißig Kilometer hinter Grönkitt, wo ich ja heute schon einmal war, die Sonne ist vor einer halben Stunde untergegangen, der Tacho zeigt 110 Kilometer pro Stunde, sehe ich ihn. Wie Kai aus der Kiste, ist er plötzlich auf der Straße. Ein Elchmann. Keine vierzig Meter vor meinem Auto. Trotz schneller Reaktion bin ich mir nicht sicher, ob ich es geschafft hätte, rechtzeitig zum Stehen zu kommen oder auszuweichen. Mein Glück war, das der Elchmann ungelenk tänzelnd geradewegs die Straße überquerte, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Danke lieber Elchmann.
Km 4333

Elch Skandinavien Schweden

Järpen

Irgendwann um eins in der Nacht, war es mir dann doch zu riskant und sinnlos noch weiterzufahren. Ein Campingplatz mit Badestelle war mein Nachtdomiziel. Um fünf wache ich auf, krabbele in Shirt und Slip nach vorne und fahre los. Es ist grau und nieselt. Meine Augen scannen die Straßenränder. Ein Hase prescht über die Straße ein Fuchs folgt ihm. Hier und da funkelt ein Augenpaar im Gras und ich tippe immer instinktiv das Bremspedal. Deutlich langsamer als gestern bin ich unterwegs, als sich plötzlich wieder wie aus dem Nichts ein dunkelbrauner Koloss aus dem Straßengraben erhebt und auf die Straße latscht. Ich bremse und halte an. Rückwärtsgang. Die Straße ist leer. Es ist schon hell genug, vielleicht gelingt ein Foto. Doch die Elchkuh steht inzwischen hinter den dichten Bäumen und wartet. Ich sehe sie und sie mich auch. Wartet sie auf ihren Elchmann? Ich warte. Aber nach fünf Minuten gebe ich auf. Der Elchmann überquert die Straße sicher erst, wenn ein Auto angefahren kommt.

Auf den Ort Järpen als Zwischenstation fiel die Wahl, weil mit zwei Wassefällen und mehreren Stromschnellen  der Järpströmmen hier einen sehr spektakulären Flussverlauf hat. Zudem ist der Ort mit Auto und Zug gut erreichbar. Vor vielen Jahren gab es hier sogar einen kleinen Flughafen. Doch ich hatte von Järpen, das auch ein bekannter Pilgerort ist, mehr erwartet. Es gibt hier zwar viele die Campen und Urlaub machen aber eine touristisch Infrastruktur gibt es kaum. Järpen hat drei Restaurants. Eins hat am Wochenende sinnvoller Weise geschlossen und die anderen beiden sind wenig einladende  „Pizza-Döner“ oder das „Grill & Kebab Restaurant“, in dem sich die Angestellten langweilen. Da will ich dann auch nicht das Opfer spielen. Also findet die Nahrungsaufnahme wieder an der Tankstelle statt.

Nur die Wasserfälle und die Wanderungen am Fluss sind das, was hier in gewisser Weise etwas Besonderes ist. Im Hotel gibt es endlich Körperpflege, für eine Nacht ein richtiges Bett und morgen ein Frühstück.  KM 4595

Wasserfall Ristafallet.

Jokkmokk

Die letzte Station in Schweden heißt Jokkmokk. Ziel ist der nahe Sarek Nationalpark. Von Järpen sind es 660 Kilometer, die ich auf einer entspannten Tagestour genießen will. Das Fahren macht wirklich Spaß in Schweden. Desto weiter man ins Inland vordringt, je leerer werden die Straßen. Ich habe noch nicht einen Polizisten gesehen und Blitzer werden auf Schildern vorher angekündigt. Einzig Elche, cruisende Camper oder die atemberaubenden Landschaft können die Fahrt bremsen.

Von der Stadt Krokom an wird die Fahrt einsamer und die Abstände zwischen den Orten größer. Einzig der Ort Vilhelmina fällt durch seine Größe und Geschäftigkeit auf. Hier findet man Einkaufsmöglichkeiten, Hotels, Café und Restaurants.

Nachdem ich im Wald unweit der Straße schon zwei Rentiere ausgemacht hatte, begegnet mir unmittelbar danach noch ein junges Rentier, direkt an der Straße. Es lässt sich sogar aus der Nähe fotografieren. Nur zwei Kilometer danach steht wieder ein Rentiermann im besten Licht unweit der Straße.  Wenn man hier so vielen begegnet, wird es sicher noch oft welche zu sehen geben, denke ich und halte diesmal nicht an. Aber nur wenig später fürchte ich, dass dies ein Fehler war. Es war einer!

Wildunfälle geschehen nicht nur in der Dämmerung und in der Nacht!

Sarek Nationalpark

Die Wildnis des Sarek Nationalpark ist einzigartig in Schweden. Keine markierten Wege, wenig Berghütten und noch weniger Menschen. Der Sarek ist Schwedens größter Nationalpark mit hohen Gipfeln, Bergmassiven, Gletschertälern und rauschenden Stromschnellen. Er gilt als die letzte große Wildnis in Europa. Die fantastischen Landschaften sind geprägt von tiefen Wäldern, großen Seen und langen Flussläufen, die nur selten von Brücken überspannt werden. Das macht die alpine Bergwelt Lapplands so außergewöhnlich und zu einem Mekka für erfahrene Wanderer, Bergsteiger und begeisterte Abenteurer, die sich nicht scheuen tagelang auf sich gestellt zu sein und einen reissenden Fluss auch einmal durchschwimmen zu müssen. Der atemberaubende Ausblick vom „Skierffe“ ist aus meiner Sicht jede Anstrengung wert. Ausgangspunkt für Wanderungen gibt es mehrere. Auskunft erhält man auch über die Webseite des Sarek Nationalparks und die STF (Verbund der Berghütten).

http://www.sverigesnationalparker.se/park/sarek-nationalpark

Blick vom Skierffe im Sarek Nationalpark

Nach meinem vierundzwanzig stündigen Wanderung im Sarek, fahre ich noch die fünfundneunzig Kilometer nach Jokkmokk. Ich will jetzt mal ein Hotel um zu duschen und Akkus zu laden. Ein wenig Schlaf vor der nächsten Etappe wäre auch ganz hilfreich.

Wie tot habe ich elf Stunden geschlafen. Ich höre die Anrufe, bin aber zunächst außer Stande mich aus dem Bett zu quälen. Kurz danach schleppe ich mich zur Dusche und dann zum Frühstück. Das was im Jokkmokk Hotel für 90 Euro geboten wird, ist enttäuschend. Während ich mir Brot und Instandei runterquäle und die die Amerikaner am Nebentisch das Frühstück loben, überlege ich was für ein Stil das hier sein soll. Doch dreckige Tischdecken, verschlissenes, zusammengewürfeltes Mobiliar sind kein Stil. Das ist lieblos und geschmacklos. Neben Devotionalien der Samenkultur, steht in der Ecke auch ein zerzauster, ausgestopfter Bär. Was hat der hier zu suchen und was soll er uns sagen? Egal, ich muss los. Es liegen 1445 Kilometer vor mir.Wie tot habe ich elf Stunden geschlafen. Ich höre die Anrufe, bin aber zunächst außer Stande mich aus dem Bett zu quälen. Kurz danach schleppe ich mich zur Dusche, verarzte notdürftig meine Füße und schleppe mich zum Frühstück. Das was im Jokkmokk Hotel für 90 Euro geboten wird, ist enttäuschend. Während ich mir Brot und Instandei runterquäle und die die Amerikaner am Nebentisch das Frühstück loben, überlege ich was für ein Stil das hier sein soll. Doch dreckige Tischdecken, verschlissenes, zusammengewürfeltes Mobiliar sind kein Stil. Das ist lieblos und geschmacklos. Neben Devotionalien der Samenkultur, steht in der Ecke auch ein zerzauster, ausgestopfter Bär. Was hat der hier zu suchen und was soll er uns sagen?

Egal, ich muss los. Es liegen 1445 Kilometer bis zu meinem Nächsten Ziel vor mir. Auf nach Norwegen.

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