Nord Spitzbergen, Auf der Suche nach dem Eisbären & Packeis

Spitzbergen Arktis Svalbard
Spitzbergen von oben.

Longyearbyen. Den Namen der Stadt auf Spitzbergen muss man wirklich mehrfach vor sich hin sprechen, bis man ihn aussprechen und sich vielleicht sogar merken kann. Svalbard, die „Kalte Küste“ nannten einst die Wikinger die Insel, die wir, die nicht norwegisch sprechen, Spitzbergen nennen. 1906 gründete der US-amerikanische Unternehmer John Munroe Longyear die Bergarbeiterstadt, die zu den nördlichsten Orten der Erde gehört.. Auch heute noch, wird in einer Mine Steinkohle für das Kohlekraftwerk des Ortes gefördert. Hauptarbeitgeber für die 2.600 Bewohner von Longyearbyen sind heute aber Tourismus und Forschung. Für viele Touristen ist Longyearbyen das Tor in die Nord-Polar Welt. Die Stadt auf der Insel Svalbard, ist Ausgangspunkt für Ausflüge und Exkursionen in die Umgebung, sowie für Kreuzfahrten ins Nordpolarmeer.

Longyearbyen

Im Landeanflug auf Spitzbergen gleitet die Boeing 737-800 über spitze, mit Schnee bedeckte Berge. Eisiger Wind treibt die Wellen auf dem dunkelblauen kalten Wasser der Bucht vor sich her. Strahlend blauer Himmel empfängt uns auf dem „Lufthaven Longyearbyen“ und Wind schlägt uns bei minus vier Grad ins Gesicht. Es wird Zeit sich winterlich zu kleiden. Das sonnige Wetter löst bei mir den Reflex aus, die letzen Sonnenstunden zu nutzen und als wir für den nächsten Tag im „Svalbard Hotell“ eine Hundeschlitten-Tour buchen, mahne ich schon zur Eile.“ We pay the tour in the evening, cause we have to use the last sunlight“ sage ich zu dem Mädchen an der Rezeption, die mich darauf hin verwundert anschaut. Dann laufen wir hoch zur Pfarrkirche und ich befürchte schon, dass die Sonne hinter dem Berg verschwindet. Doch es klappt noch. Ein Bild und eine kurze Videosequenz bei schönstem Sonnenschein, dann laufen wir noch den Hang entlang bis zum Kraftwerk und knipsen ein Rentier.

Longyearbean Arktis Spitzbergen
Selbst mit Schnee keine Schönheit – Longyearbean – Spitzbergen

Als wir gerade zurück gehen wollen, kommt uns eine Spaziergängerin mit Hund entgegen. Sie hat ein Gewehr geschultert!  Die Region Svalbard mit den umliegenden Inseln beheimatet so viele Eisbären wie Einwohner und das hier ist Eisbärengebiet. Unbewaffnet am Rand des Ortes zu gehen, wie wir es taten, ist schon grenzwertig. Ohne Waffe sollte man sich nicht mehr als hundert Meter von den Häusern entfernen. Unfälle sind auch heute jederzeit möglich. In der einzigen Nacht die wir in Longyearbyen verbrachten, kam ein Eisbär in die Stadt, der mit Schüssen und mittels eines Hubschraubers verjagt wurde. Wir sind nun wieder im Stadtgebiet von Longyearbyen und wundern uns, dass die Sonne nun wieder höher über dem Berg zu stehen scheint. Dann fällt es uns wieder ein. So weit im Norden kann man von Mitte April bis Mitte August auch um Mitternacht noch in den wärmenden Strahlen der Sonne sitzen, sofern sie nicht von Wolken verdeckt ist. Es gibt weder Tag noch Nacht. Es gibt nur die Uhrzeit, an der die Menschen ihren Rhythmus festmachen.

 Schokoladenmanufactur Fruene Kaffe Og Vinbar Longyearbyen
Schokoladenmanufactur, Strickladen und Café – „Fruene Kaffe Og Vinbar“ in Longyearbyen

Hundeschlitten

27.05.2019 – Was für ein Wetter! Blauer Himmel und Sonnenschein, selbst in der Nacht. „Svalbard Husky“ holt uns nach dem Frühstück zum Dog-Sliding ab. Nach einer Einweisung und nachdem wir auch die Hunde selbst anspannen müssen, sind wir fit die Schlitten selbst zu fahren. Begleitet werden wir aber zur Sicherheit von Rachel. Sie hat ein Gewehr und eine Pistole dabei, für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir von einem Eisbären angegriffen werden. Doch sie hat auf diesen Touren noch nie einen Eisbären gesehen, erzählt sie.

Schlittenhunde Sonne Arktis

MS Plancius

Am Nachmittag finden wir uns am Hafen ein, um auf der „MS Plancius“ einzuschiffen. Wir beziehen unsere Suite und begeben uns zur Sicherheitseinweisung und zur Rettungsübung. Währenddessen hat das Schiff abgelegt und fährt hinaus in den Isfjord. In der Lounge findet nun das erste Tour-Update statt. Gute Nachrichten für die Leugner der Klimaerwärmung: Das Nordpolarmeer ist 2019 soweit nach Süden zugefroren und unpassierbar, wie es seit langen nicht mehr der Fall war. Dadurch ist aber die gesamte Planung der Reiseroute obsolet geworden. Die nördlichste Spitze sowie den Monaco-Gletscher können wir nicht erreichen. Die Crew hat sich in Longyearbyen die letzte Position und die ungefähre Richtung des Eisbären, der am Morgen im Stadtgebiet war, geben lassen. So fahren wir zunächst an der Küste entlang, um ihn zu suchen. Man will den Passagieren unbedingt ein erstes Erfolgserlebnis verschaffen, denn nur zu oft kommt es vor, dass kein Eisbär in den Weiten der Arktis auszumachen ist. Es gelingt auch den Eisbären zu finden, jedoch ist der etwa 400 Meter entfernt und nur mit Ferngläser und Teleobjektiven auszumachen.

28.5.2019: Seit gestern sind wir mit nur 5,8 Knoten zum St. Jonsfjorden gefahren. Nach dem Frühstück folgt dann wieder eine dreiviertelstündige Einweisung für das Fahren in den Zodiaks als Passagier. Dann beginnen wir den ersten Landgang. Wir entscheiden uns für die langsame Gruppe, um etwas mehr Zeit zum fotografieren zu haben. Doch die langsame Gruppe ist nicht einfach nur langsam. Nein, sie hat die in etwa die Fließgeschwindigkeit von Teer im Winter. Immer wieder stehen wir für quälend lange Zeit, weil einige der Teilnehmer auf Knien kleinste Moose, Steine, Fußabdrücke von Rentieren und sogar Rentierkacke fotografieren und filmen. So brauchen wir für die 500 Meter vom Strand bis zu der Schutthalde, vor der man einen Ausblick auf den Gaffelbreenglacier hat, eineinhalb Stunden. Als wir dort ankommen ist die Sonne hinter Wolken verschwunden.

Das Schiff fährt nun wieder ein Stück zurück nach Poolepynten. Auf einer Landzunge liegen dort etwa zwanzig Walrosse bräsig am Strand. An Land gehen können wir nicht, da Wind und Wellen zu stark sind. So vergeuden wir hier einige Stunden mit dem Warten auf besseres Wetter. Weder die kleine Gruppe dösender Walrosse, noch die unfotogene Umgebung sind es wert hier anzulanden, geschweige denn Stunden lang zu warten. Dann entschließt sich die Crew endlich zur Weiterfahrt. Während das Schiff Ny London ansteuert, versammeln sich die Passagiere in der Lounge am Kaffeeautomaten. In den Unterhaltungen fallen immer wieder die Worte „Polar Bear“ und „Walruss“ und es macht den Eindruck, desto öfter die magischen Worte in den Gesprächen fallen, desto mehr fühlen sich die Passagiere auf einer besonderen Fahrt und geben sich der Illusion hin, sie hätten schon die beiden Tiere gesehen, die hier bei den meisten ganz oben auf der Wunschliste stehen.

Bootcamp & Bird Watching

29.05.2019: In Ny London angekommen, beginnt wieder eine Wanderung. Es wird in vier Gruppen aufgeteilt. Die Gruppe „slow&lazy“, „medium photo-hiker“, die „medium hiker“ und die long hiker. Wir entscheiden uns diesmal für die Gruppe der „long hiker“. An der Mansfield Hütte bekommen wir wieder Einweisungen, Anweisungen und Zurechtweisungen. Das hat hier irgendwie was von Bootcamp! Nachdem alle ihre Schneeschuhe an ihre Gummistiefel montiert haben geht es los. Ist der Anstieg im Pulverschnee zunächst noch moderat, so wird er im weiteren Verlauf immer steiler. Ali, die Tourleiterin verspricht vor jedem Gipfel, dass es der letzte Anstieg ist. Das tut sie vier Mal und wir kämpfen uns mit unseren Schneeschuhen durch frischen tiefen Schnee weiter den Hang hinauf. Dann stehen wir auf dem Gipfel. Die Aussicht wäre nicht schlecht, wären da nicht Dunst und Wolken. Auf dem Rückweg kommen wir noch an einem gefrorenen Wasserfall vorbei. Alles in allem war es mal schön auf der fünf Kilometer Wanderung vom Buffet weg und vom Schiff runterzukommen, jedoch haben wir mehr erwartet als Tundra Wanderungen durch den Tiefschnee.

Arktis Mansfield Spitzbergen
Mansfield Hütte in Ny London.

Am Nachmittag landen wir in der „14 Julibukta“ Bucht. Dort gehen wir an Land und bestaunen den Gletscher, der in die Bucht kalbt. Hoch in den Felsen nisten Dreizehenmöven und ein Polarfuchs wurde ebenfalls gesichtet, doch den haben wir verpasst. Nach der Zodiak-Cruise entlang des Gletschers, sind wir dann durchgefroren und begeben uns wieder in die wohlige Wärme des Schiffsbauchs.

Pack Eis

30.05.2019 Bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir um 6:30 Uhr die Grenze des Drifteises. Zu unserer rechten Seite erheben sich die schneebedeckten Gipfel von „Albert I Land“ und auf den Eisschollen entdeckt man hin und wieder Walrosse. Das Schiff manövriert mit zwei Knoten an der Küste von Nordwestoyane entlang. Von Eisbären fehlt bisher jede Spur. Etwa vierzig Augenpaare scannen die Eisfläche und checken jeden Schatten, in der Hoffnung den König der Arktis zu entdecken. Wir hatten uns vorgenommen, nicht so viel auf dem Zimmer zu sein oder gar im Bett zu liegen. Das ist jedoch schwerer als gedacht. Es gibt nichts zu tun! Und man hat den Eindruck, dass wir nicht die einzigen sind, die sich langweilen. Einige kramen in der Bibliothek nach Büchern, hängen in der Lounge rum und verquatschen die Zeit. Andere ziehen sich ebenfalls auf ihrer Zimmer zurück und nur wenige Unermüdliche stehen mit ihren Ferngläsern und Teleobjektiven an Deck, in der Hoffnung das Bild des Tages zu machen. Einzige Abwechslung waren heute früh zwei männliche Walrosse, die auf ihrer Scholle nah am Schiff vorbeitrieben und das Landschaftspanorama an der Einfahrt zum Raudfjorden. Blauer Himmel spannt sich über die mit Schnee bedeckten Berge von Nordspitzbergen. Soweit das Auge reicht sind die eisigen Wasser von einer dicken Eisschicht bedeckt. Zu dick das Eis für unser Schiff, das hier umdrehen muss. Um 18:10 überqueren wir den 80° Breitengrad und fahren weiter entlang der Treibeiskante Richtung Norden. Von hier sind es noch 990 Kilometer bis zum Nordpol. Das gefürchtete „Arctic BBQ“ wird bei einer Windgeschwindigkeit von 40 Knoten und Außentemperaturen von 2 Grad Celsius dann doch nach drinnen verlegt.

Nordpolarmeer Eisbär Spitbergen

König der Arktis

31.05.2019 Noch immer bläst der Wind mit 40 Knoten und kaum jemand hält es draußen lange aus. Die „MS Plancius“ patrolliert an der Schelfeiskante und unzählige Ferngläser und Teleobjektive suchen das Eis nach Eisbären ab. Ernüchterung greift um sich und einige fürchten bereits keinen Eisbären mehr auf dieser Tour zu sehen. Wir liegen auf den Betten und lesen oder dösen. Die Kleidung sowie die Kameras liegen einsatzbereit für einen Alarmstart bereit. Es ist 17:30 Uhr als wir in die Kennedy Bucht einfahren. Dann kommt die Durchsage: „Polar bear on eleven o’clock but very far. We try to get closer. Thank you Veronique, she saw the bear at first“. Alles stürzt an Deck! Ein junger männlicher Eisbär folgt den Spuren eines Weibchens entlang der Küste. Wir sind überrascht wie schnell der Bär Strecke macht. Ein Mensch würde in dem Schnee für die gleiche Entfernung mehr als die doppelte Zeit benötigen. Und überhaupt kann man in der Arktis Entfernungen nur schwer schätzen. Es gibt kaum einen Bezugspunkt. Das Schiff scheint nur wenige Meter vom Ufer entfernt zu sein, doch wenn man den Eisbären als Bezugspunkt hat, dann sind es doch mehr als hundert Meter. Das Schiff folgt ihm etwa einen Kilometer, bis er dann ins Wasser geht, um die Bucht schwimmend zu überqueren. Es ist nicht erlaubt Bären im Wasser zu verfolgen und so dreht das Schiff ab und verlässt die Bucht. Niemand hätte erwartet, dass wir den Bären im Wasser verfolgen. Aber man hätte an dieser Stelle warten können bis er auf der anderen Seite an Land geht um dann eventuell weitere Fotomotive zu haben.

spitzbergen-arktis-bär
Chancen für ein Erinnerungsfoto nur für Teilnehmer mit Objektiven ab 400 mm Brennweite.

Beach Clean Up

01.06.2019 Das Schiff hat über Nacht auf dem offenen Meer vor dem Smeerenburgfjorden gelegen und am Morgen finden wir uns an selber Stelle wie am Abend wieder. Man merkt deutlich, dass der Druck unbedingt einen Eisbären zu sichten, von der Crew gewichen ist. Statt Eisbären zu suchen, wie es die Überschrift der Reise vermuten lässt, unternehmen wir nun weitere Wanderungen. Strahlend blauer Himmel, vierundzwanzig Stunden Sonne und zwei Grad Celsius Außentemperatur. Die Herausforderung bei den Anlandungen ist, zu entscheiden wie man sich kleidet. Während es auf dem Zodiak noch windig und kühl ist, wird einem auf der Wanderung so warm, dass am Ende die Unteräsche nassgeschwitzt ist. Findet dann am Ende ein Zodiak-Cruise statt, wird es in den durchgeschwitzten Sachen wieder kalt.

Wir landen am Strand von Amsterdamoya, eine der bedeutendsten historischen Stätten auf Spitzbergen. Am Strand liegen überall Baumstämme herum an denen noch alte Seile festgebunden sind. Ein Schild weist darauf hin, dass hier vor nun 400 Jahren, von niederländischen Seefahrern Wale zerlegt und Waltran für die Beleuchtung der Straßen in Europa gekocht wurde.

Wir laufen mit Schneeschuhen zu einem Hügel. Von der Landungsstelle aus, könnte man annehmen er ist maximal einen Kilometer entfernt. Wir laufen und laufen und laufen. Doch der Hügel kommt nicht näher. Die polare Landschaft, die nur aus Meer, Eis und Bergketten besteht, bietet kaum Anhaltspunkte um Entfernungen einzuschätzen. Als wir an der Ansammlung von Steinbrocken ankommen sind wir über dreieinhalb Kilometer gelaufen. Auf dem Rückweg gehen wir am Wasser entlang und wir werden darauf hingewiesen, welches Problem auch in der Arktis Plastikabfälle und alte Fischernetze für die Tierwelt darstellen. Unser Guide fordert uns nun auf, Plastik, das wir hier finden aufzusammeln. So beginnen einige mit einem doch etwas hilflos wirkenden Beach-Clen-Up.

Arktis Waffe Eisbär Angriff
Beach Clean Up in Amsterdamoya .

Am Nachmittag startet eine weitere Wanderung zum Gletscher im Magdalenefjorden. Hier in der Bucht rasten auch Walrosse.

Beluga Wale

02.06.2019  Eine Lautsprecherdurchsage reist uns aus dem Tiefschlaf. Belugawale schwimmen neben dem Schiff. Einige der Passagiere torkeln an Deck und knipsen wild um sich. Doch die Belugas sind so weit entfernt, dass die Bilder für niemanden brauchbar sind.

Wer nicht so gerne wandert und stattdessen Eisbären aufspüren möchte ist auf dieser Reise falsch! Wanderungen und Vogelbeobachtungen stehen hier ganz oben auf der ToDo Liste. So wie es in den vergangenen Tagen gelaufen ist, wundert es uns nicht mehr, dass am Vormittag in der Alkhornet Bucht eine Wanderung zu einem Felsen in dem Vögel brüten auf dem Programm steht. Diese Bucht ist bekannt dafür, dass sich hierher nur sehr selten Eisbären verirren und auch sonst ist die Bucht frei von Robben, Walen oder Walrossen. Aus Protest und weil wir der ewigen Gewaltmärsche ins Nichts überdrüssig sind bleiben wir auf dem Schiff.

Islandmöve Arktis Spitzbergen
Die Vogelbeobachtung steht bei vielen Besuchern der Arktis ganz oben auf der Liste.

Da offenbar nicht nur wir unseren Unmut über die Programmänderungen zu Gunsten der Vogel-Beobachter zum Ausdruck gebracht haben, ist die Crew am Nachmittag so gnädig zu entscheiden, dass wir den Rest der Zeit nach Eisbären Ausschau halten. Das Schiff fährt jedoch mehrere Kilometer vom Ufer entfernt, so dass es selbst für geübte Augen unmöglich ist einen Eisbären zu erspähen. Den Rest des Tages cruisen wir in der Skansbuchta umher und werden mit Kakao und Sambuca ruhig gestellt. Ein „Capitain´s Coctails“ bei dem sich die Crew selbst feiert, rundet das gute Laune Programm ab. So geht unser Abenteuer zu Ende. Wir verlassen das Schiff in Longyearbyen, mit dem Gefühl viele Chancen verpasst zu haben, obwohl die Bedingungen für Eisbären auf dem Eis ideal waren. Die Überschrift „In Search of Polar Bears & Pack Ice“ war zumindest auf dieser Tour ein leeres Versprechen.

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