Panama – Live for More
2. März 2026 joerg
INRO
Rauskommen, Luftholen und vergessen was in der Welt für Scheiße passiert. Da ist dann auch egal wie wir darauf gekommen sind nach Panama zu reisen. Stand das Land doch gar nicht auf der Bucket-List.
Doch während es in unseren Breiten kalt und dunkel ist, man sich in Wintersachen einmummeln muss, täglich Vitamin D einwirft, um nicht an Knochenerweichung, Osteoporose oder Depressionen zu Grunde zu gehen und ein großer Teil des Einkommens für die Energiekosten aufwendet, herrscht in Panama angenehmes Klima. Und das 365 Tage im Jahr! Badeschlappen, Badeshorts, T-Shirt und Sonnenbrille und schon ist man top angezogen für einen Tag im Paradies.
Desto intensiver man sich mit einer Destination beschäftigt, umso mehr Interessantes findet man. Regenwälder in denen sich Tapire, Affen, Faultiere, Krokodile und Jaguare tummeln. Traumhafte Küste zu beiden Seiten des Landes, vor denen je nach Jahreszeit Buckelwale, Delfine, Schildkröten, Hammerhaie, Mantas und Walhaie beobachtet werden können. Indigene Stämme wie die Ngäbe, Buglé, Guna, Emberá, Wounaan, Bribri und Naso Tjër Di, die vielfach noch ihre Traditionen pflegen. Im Kontrast dazu, das moderne Panama City und der Panama-Kanal. Man könnte ein viertel Jahr bleiben und es würde nicht langweilig werden.
Es ist ein Irrtum zu glauben, man können ein Land in zwei Wochen kennenlernen. Man war lediglich mal dort und hat sich etwas angesehen.
Da wir uns sehr spontan für Panama entschieden haben, mussten wir uns alles selbst zusammenstellen. Zunächst wollten wir in Panama Touren buchen, die Strecken nach Santa Catalina und Bocas del Toro mit Bussen oder Shuttles zurückzulegen und mit dem Flugzeug nach Panama City zurückzufliegen. Doch die Shuttles nach Santa Catalina, Bocas del Toro, zu den San Blas Inseln und der Rückflug kosten zusammen schon über 1.000 Euro, Dollar oder was auch immer. Wenn man nur zu zweit ist, rechnet sich das nicht! Ein Mittelklasse-Mietwagen mit Allradantrieb, der für die Anreise zu den San Blas Inseln gefordert wird, kostet 581 Euro. Bei der Preisdifferenz ist es dann auch egal, wenn das Auto mal zwei Tage ungenutzt am Hafen geparkt in der Sonne brät.

Der schöne Schein im Casco Viejo, der Paseo Esteban Huertas.
Anreise
Condor bietet Flüge von Berlin nach Panama City für 700 Euro pro Person an. Allerdings mit acht Stunden Aufenthalt in Frankfurt. Zu lang zum Warten. Zu kurz um in ein Hotel einzuchecken und zu schlafen. Wer akzeptable Umsteigezeiten wünscht, muss 290 Euro mehr zahlen. Wir nutzen Air France von BER über FRA nach PTY für 970 € pro Person.
Panama City
Alles kann man heute im Internet recherchieren, sich Bilder und Videos anschauen, Bloggern und Vloggern folgen und sich einbilden, ein gutes Bild von den Gegebenheiten vor Ort zu haben. Doch der erste Tag in Panama City war ernüchternd und wurde wieder einmal mit der Erkenntnis gekrönt, dass vor Ort dann doch alles etwas anders ist als man es sich vorgestellt hat. Die Zufahrt und der Zugang zum Mirador Flamenco, den wir zuerst besuchen wollten, war durch Bauzäune und Schranken gesperrt. Es war wohl einfach noch zu früh. Auf dem Rückweg passieren wir das Frank Gehrys Biomuseum, dessen Gebäude aussehen wie ein ungeordneter Haufen . Danach schlendern wir durch das Casco Viejo. Wir sind schon kurz nach acht Uhr dort, was sich noch als Glück erweisen soll.
In den Straßen herrscht noch beschauliche Ruhe, wenn man von jaulenden Generatoren und Hochdruckreinigern absieht. Einen Blick wert ist die restaurierte Iglesia de San José, in der sich der berühmte Altar de Oro (Goldaltar), ein barockes Meisterwerk aus Mahagoniholz, das mit Blattgold überzogen ist.
Beeindruckend ist die Geschichte des Arco Chato, den man in den Ruinen der Iglesia de la Compania de Jesus bestaunen konnte. Doch nachdem der Arco Chato 333 Jahre, zwei Brände und ein Erdbeben überstand, konnte er 2003 der Vernachlässigung durch die Behörden nichts mehr entgegensetzen und stürzte mit anderen Gebäudeteilen ein. Heute bestaunen die Besucher nur eine Replik.
Wir bummeln weiter durch die Straßen des Casco Viejo und erreichen die Catedral Basílica Metropolitana Santa María La Antigua am Plaza de la Independencia. Diese Kathedrale ist ein Touristenmagnet, wenn man sich für alte Gebäude oder Kirchen interessiert.

Panama-Kapuzineraffe
Im Casco Viejo haben sich einige Künstler, Café- und Shop-Betreiber zusammengetan, um das Viertel aufzuwerten und neu zu beleben. Sie bieten daher ausschließlich lokal produzierte Waren an und man kann nur hoffen, dass mehr Touristen wie wir, ihrer touristischen Pflicht nachkommen und diese Anstrengungen mit entsprechendem Konsum unterstützen.
Ganz nett ist es auch am Paseo Esteban Huertas, an der zur östlichen Spitze der Halbinsel. Dieser von Bougainvillea überdachte Promenadenweg, verläuft auf der alten Stadtmauer. Von hier hat man einen Panoramablick auf die moderne Skyline von Panama-Stadt, die Bucht und die Schiffe. In der Zeit unseres Altstadt-Rundgangs haben mehrere Busse mit den Kreuzfahrern aus Colon ihre menschliche Fracht in die Straßen des Casco Viejo entladen. Überall bevölkern große Gruppen der Anhänger des betreuten Reisens die Gehwege. Auto an Auto schiebt sich im Schritttempo durch die engen Gassen der Altstadt. Motorenlärm mischt sich mit dem Lärm der Baugeräte, brabbelnden Menschenmassen und Abgasen. Zeit, die schöne Altstadt zu verlassen.
Wir fahren zur Brücke „Puente de las Americas“, die Nordamerika mit Südamerika verbindet. Zu unserer Enttäuschung verpassten wir ein gigantisches Containerschiff, dass die Brücke passierte um zehn Minuten. So wie schon zuvor bekomme ich auch hier meine Drohne wegen einer Flugverbotszone nicht in die Luft, so das nichts bleibt als ein Belegbild zu machen.
Nächster Stopp ist der Ancon Hill. In Google-Maps sah es so aus, als könne man nah ranfahren, aber nix da! Die Parkplätze und Straßen sind zugeparkt und nachdem wir einen Parkplatz gefunden haben, laufen wir bei 34° Celsius noch drei Kilometer bergauf. Selten blöd, wer wie wir kein Wasser dabeihat. Die Aussicht ist unspektakulär, da von Bäumen fast gänzlich zugewachsen, aber das wusste ich schon vorher. In diesem Fall stimmten die Recherchen und nur der Gipfel war die Challenge.
Der nachmittägliche Berufsverkehr tobt, während wir zum Hotel zurückfahren und er ist noch apokalyptischer, als wir zum Mirador del Pacifico fahren. Der Verkehr in Panama-City ist zumindest ein Grund hier nicht leben zu wollen. So wirklich angezündet hat uns Panama City bisher nicht. Aber als am Abend die Sonne den Horizont berührt, weicht die drückende Schwüle einer sanften Brise. Jogger laufen im pulsierenden Rhythmus der Stadt. In der Dämmerung wird die Uferpromenade Open Air Fitnessstudio, Marktplatz und Treffpunkt der Nachtschwärmer. Im Hintergrund wiegen sich Palmen in sanften Wind und die illuminierten Fassaden der Wolkenkratzer spiegeln sich im Wasser der Bucht. In diesem Moment spürt man die Magie von Panama City und wünscht sich, diese Atmosphäre konservieren zu können.
Touri-Scheiß mit GetYourGuide
Heute, an unserem Hochzeitstag machen wir mal was ganz Verrücktes. Wir haben bei GetYourGuide die billigste Tour gebucht! Einen Ausflug über einen Teil des Panama-Kanals zum Gatun See, um Affen zu gaffen und Faultiere zu belästigen. Pünktlich vor unserem opulenten Gratis-Frühstücksbuffet werden wir abgeholt. Nur neun Teilnehmer sind wir und zwei davon saßen im Flieger neben uns. Man entkommt sich eben nie, nicht einmal im Dschungel. Nach einer Stunde Fahrt, am Bootanleger, die erste Lektion in Sachen Realitätsabgleich. Dachten wir bis gestern noch: „Ach, ist ja viel sauberer hier als sonst in Mittel—oder Südamerika“, wird man spätestens hier eines Besseren belehrt. Der Müll ist überall verteilt und wabert in Massen auch auf den Wellen am Ufer. Wir passieren riesige Frachtschiffe, während das Boot über die Wellen jagt. Am Ufer zieht ein Güterzug der „Panama Canal Railway“ seine Fracht durch das weiche Morgenlicht. Dann erreichen wir den Gatun See. Affen, die bis auf das Boot kommen und zwei Faultiere, die sich jedoch in Astgabeln zum Schlafen gebettet haben, können wir erspähen. Faultiere schlafen etwa 18 Stunden des Tages und kommen nur für den Toilettengang auf den Boden. Wären Faultiere wirklich faul, würden sie die Schwerkraft nutzen und das Problem direkt aus der Astgabel lösen. Aber was wissen wir Touristen schon über die Etikette des Regenwaldes. Nach zwei Stunden ist die Tour dann aber schon wieder zu Ende und wir besuchen ein lokales Outdoor-Restaurant. Letzter Stopp der Tour ist der Nationalpark Soberanía. Die Gruppe trottet eine Stunde auf teils gut ausgebauten Wegen durch den Dschungel, ohne irgendeinen Waldbewohner zu sehen. Davon wird auch noch fast eine halbe Stunde an einem kleinen unfotogenen Wasserfall verplempert. Der Preis einer solchen Touri-Tour ist dann eben, dass man Sachen machen muss, die einfach nur Zeitverschwendung sind. Für insgesamt 40 Euro pro Person inklusive Nationalparkeintritt war das trotzdem richtig gut. Billiger kommt man an eine fundierte Erkenntnis über die Sinnlosigkeit des Massentourismus kaum ran!
Zurück in Panama City besuchen wir das Cleo Cat Café & Shop (Calle Manuel de Jesus Quijano 169099-19). Wer dem ohrenbetäubenden Lärm von Panama-City für einen Moment entfliehen möchte und Katzen mag, muss hier mindestens einmal gewesen sein.
San Blas Paradies
Die San Blas Inseln hatte ich vor Jahren mal in einer Reportage entdeckt und mir das für den Fall notiert, dass es uns mal nach Panama verschlägt. In der Reportage wurden die San Blas Inseln als ein nahezu unberührtes Karibik-Paradies beschrieben und vielleicht waren sie es damals auch noch. Doch auch heute noch feiern tausende Blogger und Vlogger die San Blas Inseln als das „Hidden Paradise“ ab, egal wie viele Menschen im Hintergrund zu sehen sind. Zwar wollen die Guna, die in der „Comarca Guna Yala“ autonom leben, den Tourismus in Grenzen halten, aber auch Guna sind letztlich Menschen und werden wie alle Menschen dem Ruf des Geldes folgen. Auf Instagram finden sich 711 Tausend Beiträge mit dem Haschtag #sanblasisland und wenn etwas erstmal auf Insta ist, dann war es das mit der Idylle! Die neu asphaltierte Straße macht es den Besuchern zusätzlich leichter, diese Traumdestination zu erreichen.
Wir sind schon lange keine so krasse Straße mehr gefahren, wie die über die San Blas Hills. Der Motor des untermotorisierten Suzuki Grand Vitara Hybrid heult und schafft es kaum die steile Straße hinauf. In engen Kurven windet sich die Straße durch den Wald. Hinter der nächsten Kurve geht es dann wieder steil hinab und so wiederholt sich das auf 40 Kilometern. Ein „Kotzestopp“ bleibt da oft nicht aus. Am Kontrollpunkt der Guna fühlt man sich wie an einer Landesgrenze, an der die Guna-Militz die Fahrzeuge genauestens untersucht und die Pässe durchblättert. Drei Guna checken, ob die Autos auch wirklich 4X4 Fahrzeuge sind. Das ist ein wenig absurd, da die Straße vor kurzem ausgebaut und asphaltiert wurde. Nachdem wir die Gebühr in Höhe von 50 Dollar (20 Dollar pro Person und 10 Dollar für das Auto) gezahlt haben, dürfen wir weiterfahren.
Um 7:30 Uhr erreichen wir den Hafen von Cartí. Kurz danach füllt sich der Hafen mit hunderten Tagestouristen und Menschen, die auf Inseln oder Booten länger bleiben. Tourguides und die Bootsführer wuseln umher und suchen ihre Passagiere. Es werden Pässe kontrolliert und die Gelder für die Überfahrten eingesammelt. Das Räderwerk der Tourismusmaschine läuft auch in Guna Yala nur mit ausreichender Schmierung. Der Hafen gleicht einer Baustelle und es ist zu vermuten, dass man hier Großes vorhat. Um 9 Uhr legt unser Boot endlich ab und wir sind glücklich, so früh aufgestanden zu sein, sonst hätten wir es glatt verpasst!

Das kolumbianische Frachtschiff „Buenaventura“, dass 1958 aufgrund einer schlechten Berechnung und mangelnder Sicht in einer Nacht mit einigen Riffen kollidierte und nahe der Isla Perro standete.
50 Minuten lang kämpft sich das Boot durch das raue Meer, bis wir den Katamaran erreichen, der unser Heim für die nächsten Tage ist. Da wir noch etwas Zeit haben und man nicht Drohne fliegen darf, besuchen wir die nahe Insel Chichime. Übernachtet man hier, braucht man ein sehr dickes Buch oder einen Strick um sich aufzuhängen. Sicher war es hier einmal paradiesisch, doch dann kamen die Touristen und brachten ihren Müll mit. Das veränderte das Leben der Guna und ihr Inselparadies vor der Küste Panamas. Chichime ist genauer betrachtet eine Müllhalde mit Übernachtungsmöglichkeiten. Müll liegt überall am Strand und in den Büschen. Ab und zu wird etwas verbrannt. Es gelangt aber trotzdem viel ins Meer und man kann das beim Schnorcheln auf dem Grund liegen sehen. Ähnlich sieht es aber auch auf den anderen Inseln aus, die stark frequentiert sind. Da die San Blas Inseln als autonome Region des indigenen Guna-Volkes verwaltet wird, gibt es kaum Kontrollen in diesem Gebiet. Die Guna säubern am Abend zwar den Strand, aber die Motivation hier wirklich die Natur zu schützen, scheint eher gering.
Unser Katamaran ist heute von der Insel Chichime zur Isla Perro Chico gefahren. Somit haben wir nur die von Tagesgästen überfluteten Inseln gesehen. Wir haben auf eine Lieferung Eiswürfel gewartet, dann haben wir auf das Mittagessen gewartet, welches es dann um zwei Uhr am Nachmittag im Restaurant der Insel gab und dann haben wir gewartet, dass die Zeit vergeht. Der Informationsfluss dabei war sehr spärlich und ein schönes Riff zum Schnorcheln gab es auch nicht. Vielleicht ja morgen……….
Stell dir vor, du wachst auf, während das sanfte Schaukeln des Katamarans dein Wecker ist. Du trittst an Deck und das Erste, was du siehst, ist ein endloses Türkis, das so leuchtend ist, dass es fast künstlich wirkt.
Unser Captain Raphael ist schon so lange hier, dass er jedwedes Zeitgefühl und Tagesplanungen aus seinem Bewusstsein gelöscht hat. So ist es uns ihn daran zu erinnern, was zahlende Gäste, die nur ein paar Tage hier sind erwarten. Aber mehr als zwei mittelmäßige Schnorchelspots sind dann dabei trotzdem nicht rausgekommen. Wie sich bei Gesprächen später herausstellt, bei denen Captain Raphael mir erzählt welche Gäste er schon alles von seinem Boot kompromittiert hat, ist er ein recht eigenwilliger Mensch. Wir haben etwa zwei Seemeilen zurückgelegt, als wir vor Yansailadub vor Anker gehen. Auf dieser Touristeninsel warten wir bis die Gäste der Insel verköstigt wurden. Dann dürfen wir dort Mittagessen. Das wars für den Tag! Als die Sonne hinter Wolken untergeht, liegen wir vor Yansailadub. Statt dem Sound des Meeres zu lauschen, den sanften Wind auf der Haut zu spüren und in dieser Atmosphäre zu chillen, gibt es laute Musik und Kindergeplärre. Unser Kapitän kauft bei den Guna frischen Hummer den es nun zum Abendessen gibt. Es ist im Grunde eine Schande, dass ein Tier für so wenige Häppchen sterben muss, aber Alternativen zu „Meeresfrüchten“ sind hier nur schwer zu finden. Als das letzte Tageslicht erloschen ist, wir auf dem Netzt vorne über dem Wasser liegen, die Sterne funkeln, stellt sich Ruhe ein. Fast fühlt es sich an, als würde das Boot im Universum schwimmen.

„Schaut was für ein exklusives Leben ich führe ihr Loser!
Wo das Paradies zur Ballermann-Hölle wird
Ein neuer Morgen im Paradies. Wir cruisen zur Isla Perro. Warum konnte nicht ergründet werden, erzählte Kapitän Rapha doch wie furchtbar volles dort am Wochenende ist.
Punkt 9 Uhr fällt die Armada der Tagestouristen über Isla Perro, Pelicano und Diablo her wie eine Heuschreckenplage über ein Weizenfeld. Wer glaubt, „Insel-Hopping“ sei romantisch, hat noch nie das morgendliche Boots-Tetris an den Anlegern erlebt. Nach einer Stunde ist der Hafen so verstopft, dass nicht mal mehr ein Quietschenentchen anlegen könnte. Man muss es den Veranstaltern lassen: Diese logistische Meisterleistung, hunderte Menschen auf eine Fläche zu pferchen, die kaum größer ist als ein durchschnittlicher Parkplatz, hat fast schon militärische Präzision.
Kaum an Land, entfaltet sich der helle Wahnsinn. Während die Bars aus allen Nähten platzen, pflügen „Survival-Spezialisten“ mit Kühlboxen in Sarggröße durch den Sand, als müssten sie eine ganze Kleinstadt drei Wochen lang mit Dosenbier autark versorgen. Damit die Ruhe der Natur auch ja keine Chance hat, wird aufgerüstet: Eigene Lautsprecher brüllen gegen die Bar-Beschallung an. Ein akustischer Stellungskrieg, bei dem Reggaeton auf Techno trifft und das Trommelfell um Gnade winselt.
Das Highlight für die Generation Selbstinszenierung? Die „Insta-Schaukel“. Hier stehen die Menschen Schlange, wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen, nur um das ultimative Beweisbild ihrer eigenen Existenz zu schießen. Ich war hier also bin ich! Bemerkenswert besonders, junge Damen mit Hinterteilen von der Größe eines Kleinwagens. Diese anatomischen Wunderwerke könnten problemlos als mobile Werbeflächen für Cellulite-Creme dienen, doch Scham ist hier ein Fremdwort. Der String-Tanga wird justiert, die Möpse rausgestreckt und klick – das Zielfoto aus dem Paradies“ ist im Kasten.
Dass im Hintergrund, im seichten Wasser hunderte Menschen stehen, dass es eher an ein überfülltes Freibad am letzten Sommertag in Castorp-Rauxel erinnert, wird einfach weggefiltert. Die traurige Wahrheit ist, dass das Paradies ist hier schon vor Jahren ohne Nachsendeadresse ausgezogen ist. Was bleibt, ist ein Freilichtmuseum des Overtourism, in dem die Geltungssucht das letzte bisschen Idylle erfolgreich zu Tode getrampelt hat.
Alles was wir hier tun können ist eine Runde um das bewachsene Schiffswrack zu schnorcheln, was wirklich sehr schön ist um uns dann wieder auf den Katamaran zurückzuziehen.
Dichte Wolken ziehen über dem Paradies dahin und Wind peitscht das Meer. Unsere Seite des Katamarans hat kein Wasser mehr, das Frühstück ist äußert spärlich und der Kapitän wortkarg. Für uns ist es Zeit Abschied zu nehmen. Das Motorboot jagt über die Wellen und es bleibt kaum eine Faser Kleidung trocken. Nach einer dreiviertel Stunde erreichen wir den Hafen und müssen uns am Auto erstmal die nasse Kleidung gegen trockene tauschen. Dann geht es los auf die 40 Kilometer lange Achterbahn. Am Rand stehen hin und wieder Autos deren Insassen ihren Mageninhalt unfreiwillig in die Büsche entleeren. Wir schaffen es ohne Kotzestopp, denn unser Körper ist nach der Diät-Cruise darauf trainiert um jeden Preis alles bei sich zu behalten.
The place to be im Casco Viejo ist das “Casa Casco” an der Plaza Herrera. Dieses restaurierte Kolonialgebäude mit bemerkenswerter Innenraumgestaltung beherbergt drei verschiedene Restaurants, einen Club und eine der besten Rooftop-Bars. Wir wollen hier zu Mittag essen doch Panamaer erliegen anscheinend dem Irrtum, dass „Meerresfrüchte“ vegetarisch sind und so wechseln wir ins Hotel Herrera und lernen das es Chimichangas wirklich gibt und das sie schmecken.

Über die „Puente de las Américas“, erbaut 1962, führt die Panamericana von Nord- nach Südamerika oder auch umgekehrt.
Panamakanal
Wer denkt in seinem Alltag an den weltweiten Schiffverkehr? Erst wenn sich ein Schiff wie die „Ever Given“ im Suezkanal querstellt, wird uns schlagartig bewusst wie abhängig unser Leben vom globalisierten Handel ist. Keiner denkt daran, dass sechs Prozent des Warenverkehrs, und 40 Prozent des US-Containerhandels den Panamakanal passieren müssen.
Anno 1914 war die Eröffnung des Panamakanals eine fast schon intime Angelegenheit. Ein paar Herren, vielleicht mit Schnurrbärten und Geduld schleppten schwere Holzstative herum und montierten ihre schweren Kameras darauf. Dann wurde eine Glasplatte in die Kamera geschoben, ein Stoßgebet zum heiligen Belichtungsmesser geschickt und dann – Puff – hüllte eine Magnesium-Explosion die Szenerie in giftigen Qualm. Wenn sich der Rauch verzogen hatte, hatte man mit Glück ein Foto. Wenn nicht, hatte man zumindest eine neue Frisur und keine Augenbrauen mehr.
Schnitt ins Heute. Der Panamakanal ist nicht nur mehr eine Wasserstraße, sondern eine Art Wallfahrtsort für Menschen aller Couleur.
Bei unserer Ankunft geschieht ein Wunder: Wir finden einen freien Parkplatz direkt am Miraflores Visitor Center.
An der Kasse lange Schlangen. Doch während die Massen hineinströmen, wie das Wasser in die Schleusenkammern, fällt eines auf: Es kommt niemand wieder heraus. Das Besucherzentrum scheint ein schwarzes Loch für Touristen zu sein. Wo bleiben die alle? Werden sie am Ende der Aussichtsplattform direkt als blinde Passagiere auf die Containerschiffe nach China verteilt?
Überall wird damit geworben, dass Morgan Freeman den IMAX-Film über den Panamakanal gesprochen hat. Mehr scheint der Film auch nicht zu bieten zu haben. Wir wollen riesigen Schiffen beim Schleusen zusehen und keinen Film sehen, in dem man vermutlich in 3D sehen kann, wie Wasser nass wird und gehen weiter durch das Restaurant. Hier herrscht unfassbares Gedränge, dass vermuten lässt, dass heute Kobe-Steak zum Nulltarif verteilt wird oder der Kapitän der „Ever Given“ persönlich Autogramme auf Servietten gibt.
Schließlich der finale Endgegner: Die Treppe zur Aussichtsplattform. Wir kämpfen uns durch ein Meer aus Menschen und überlegen zwischenzeitlich schon aufzugeben. Mir kommen Bilder in den Sinn, wie solche Konstruktionen unter der Last der Menschen zusammengebrochen sind. Ich verdränge den Gedanken und wir kämpfen weiter. Wir wollen das nicht! Hier ist Tourismus unerträglich und pervers. Aber jetzt haben wir bezahlt, sind hier und machen einfach weiter wie die anderen gehirntoten Lemminge. Wie durch ein Wunder kommen wir irgendwann oben an.
Der Panamakanal: Ein technisches Meisterwerk, das 1914 mit Magnesium-Blitzen begann und heute von Millionen Smartphones abgelichtet wird. Hauptsache, das Foto ist im Kasten – auch wenn man vor lauter Menschen das Schiff kaum sieht. Nichts anderes machen wir! Nur das ich eine Kamera mitgeschleppt habe.

Surfer-Idyll in Santa Catalina
Santa Catalina
357 Kilometer können sich ewig hinziehen, besonders wenn man sich an die Geschwindigkeitsgebote hält. Tue ich nicht! Der Polizist zeigt mir sein Messgerät. 78 statt 60 Stundenkilometer. 70 Balboa sagt er zuerst. Wir fragen nach. Ja, bezahlen oder ein Ticket bekommen. Wir sagen ihm: Ja, schreibe ein Ticket. Nun sind es nur noch 50 Dollar was eins zu eins dem Balboa entspricht. Wir halten ihm 20 Dollar hin, die er freudestrahlend entgegennimmt. Am Ende der Strecke haben wir für 20 Dollar eine dreiviertel Stunde gekauft. Das Thermometer zeigt 34° Celsius, als wir in Santa Catalina eintreffen. Hier ist das Tor zum Coiba Nationalpark. In den Tiefen dort draußen patrouillieren Hammerhaie in der blauen Finsternis, Buckelwale durchbrechen mit der Wucht von Urgewalten die Oberfläche, und Mantarochen und Walhaie gleiten wie lautlose Schatten durch das Blau.
Vor allem aber ist Santa Catalina ein Surferspot. Das Stadtbild ist geprägt von jungen Leuten in Badeschlappen oder barfuß. Entlang der beiden namenlosen Straßen reihen sich Hostels, Tauchbasen und improvisierte Restaurants im Surfer-Style aneinander. Hier spürt man noch den Backpacker-Spirit. Ein Hauch aus jener Ära, als das Reisen noch eine Entdeckung war und kein Massenprodukt. Besucher und Einheimische wirken hier wie eine eingeschworene Gemeinde. Wir berauschen uns an der rauen Freiheit, während der Himmel über dem Pazifik in einem fast schon sündhaft kitschigen Purpur in Flammen aufgeht.
Der Preis für das Erlebnis in diesem Refugium ist die mangelnde Infrastruktur. So sitzen wir nach Sonnenuntergang ohne Strom auf unserer Terrasse und ich hoffe, dass das Bier noch ein paar Stunden im Kühlschrank kalt bleibt, denn an Schlaf ist in unserem Apartment nicht zu denken, da es ohne Klimaanlage drinnen wärmer als draußen ist.

Sunset im „Restaurante Pinguinos“ am Playa Santa Catalina
Ein neuer Tag im Paradies
Wir frühstücken mit Blick auf den Pazifik und treiben danach die schmale Hauptstraße von Santa Catalina hinunter. Wir hängen in Cafés ab und lauschen der chilligen Musik. Ab und zu kommt ein Panameños vorbei und schaut in die Freiluftbars wo Leute wie wir abhängen und ich frage mich: „Was denken die Leute von den Dörfern von uns, wo sie selbst solche Möglichkeiten nicht haben und vielleicht auch nicht kennen?“ Sicher müssen sie kämpfen ihrer Familie einen auskömmlichen Lebensstandard zu sichern. Diese Frage zu beantworten wäre eine interessante Erfahrung. (Einkommen in Panama auf dem Land 275 bis 700 USD pro Monat).
Der Gedanke löst sich in der Hitze auf, während wir uns von der sanften Trägheit, von Sonne und Wärme betäuben lassen. Dann liegen wir unter Palmen, die mit ihren grünen Fingern beharrlich das tiefe Blau des Himmels streicheln. Jeder Windhauch ist ein Flüstern, das die Hitze für einen Herzschlag lang vertreibt.
Wenn die Sonne ihren Zenit erreicht, gleiten wir in den Pool, dessen Wasser nur unwesentliche Abkühlung bringt. Während das letzte Licht des Tages beginnt sich in flüssiges Gold zu verwandeln, klirren die Eiswürfel im Glas und der erste kalte Caipirinha berührt die Kehle. Wenn der herbe Duft zerstoßener Limetten und der dunkle Rohrzucker mit dem schwindenden Licht verschmelzen, reift die Erkenntnis: Dies ist der Puls des Paradieses. Ein Tag, der nur dazu da war zu spüren, wie sich Leben wirklich anfühlt.
Coiba National Park
Ich wollte Tauchen gehen im Coiba Marine Park und hatte sogar schon gebucht. Doch in der Tauchbasis sprachen wir mit einem Dänen, der gerade vom Tauchgang zurückkam. Er wirkte sehr enttäuscht. Das Wassers war von Plankton und Krill sehr trüb und sie sahen kaum Fische, geschweige denn Mantas oder Walhaie, die hier mit den Buckelwalen der Tourismusmagnet sind. Nachdem wir dann am Abend mit einem Pärchen sprachen, die bei einer Schnorchel-Tour im Coiba NP Delfine, Schildkröten, Haie, Muränen, einen Manta und einen Teufelsrochen sahen, war klar, dass Schnorcheln hier wahrscheinlich besser ist als Tauchen.
So haben wir über unser Hotel „Time Out“ eine Tour in den Coiba NP gebucht. Das war sogar günstiger als über GetYourGuide. Pünktlich um 8:00 Uhr wurden wir tiefenentspannt am Hotel abgeholt. Nach einem kurzen Transfer zur Base hieß es erst einmal: „Findet die passenden Flossen“. Danach folgte eine weitere Lektion in panamaischer Gelassenheit. Während Europäer ja gerne mal nervös auf die Uhr schauen, warteten wir einfach ab, bis im gemütlichen „Panama-Tempo“ wirklich jeder seine Ausrüstung, seine Sonnencreme und seine sonstigen Plünten sortiert hatte.
Um 9:00 Uhr war es dann so weit: Die Motoren heulten auf und wir jagten eine Stunde lang über den Nördlichen Stillen Ozean. Schon unterwegs erspäht das aufmerksame Auge abenteuerlustige Rochen, die sich wohl fragen: „Warum leben wir nur unter Wasser? Mal schauen was über der Wasseroberfläche ist.“ Sie springen aus dem Wasser, werden aber von der Schwerkraft schnell wieder zurück in ihr vertrautes nasses Umfeld geholt. Wir gehen den umgekehrten Weg und plumpsen ins Wasser! Schildkröten glitten majestätisch an uns vorbei, Weißspitzenriffhaie patrouillierten entspannt in der Tiefe und unzählige bunte Meeresbewohner, deren Namen wir wohl erst in einem Lexikon nachschlagen müssten, kreuzten unseren Weg. Beim Landgang auf einer der Inseln – Zeit für Sonne und ein Bad im seichten Ufer – gab sich sogar ein seltener Falke die Ehre und beobachtete uns Touristen skeptisch aus den Palmen. Auf dem Rückweg sehen wir noch einige Delfine, die jedoch nicht für ein Foto aus dem Wasser springen. Über dem Festland haben sich dunkelblaue Wolken zusammengeschoben und es regnet in Santa Catalina wohl schon seit Stunden. Durch unseren Ausflug haben wir den sonnendurchfluteten Tag um einige Stunden verlängert. Als wir schließlich wieder anlegten, regnete es in Santa Catalina tatsächlich schon seit Stunden. Aber wisst ihr was? Es war egal. Beim Schlendern über die Hauptstraße fühlte sich der Guss an wie eine riesige, warme Dusche. In Panama lässt sich davon niemand beeindrucken: Die Leute laufen einfach in Badehose oder Bikini weiter, als wäre nichts gewesen. Das war ein gelungener Tag und der Letzte in Santa Catalina.

Indigene Frau die an der Carretera Panamericana getrocknete Erbsen verkauft.
Panamericana – Interamericana
Der Motor heult auf. Wieder versucht unser untermotorisiertes Auto, einen der Berge zu erklimmen. Heute liegen 380 Kilometer vor uns. Die Straße windet sich bergauf und wieder bergab. Gerodet sind die Flächen und Hänge. Was machen die Leute hier, fragen wir uns? Verladerampen für Rinder verraten das Geheimnis schon bald. Wir erreichen die Panamericana, einst der heilige Gral für Abenteurer, die den Kontinent auf einem Roadtrip bezwingen wollten. In Panama gibt sie sich bescheiden, fast inkognito – kein Schild, kein Pomp, nur nackter Asphalt. An einer Tankstelle machen wir einen Stopp und versorgen uns mit Wasser, Cola und ich flippe aus, denn hier gibt es Eis am Stiel. Gelato kann mich mal, ich liebe Eis am Stiel, einfach aus der Tiefkühlbox von der Tanke! Ein Genuss, der in dieser Hitze wie eine Offenbarung wirkt. Eine Frau mit ihrer vielleicht fünfjährigen Tochter verkauft vor dem Tankstellenrestaurant getrocknete Erbsen. Für ein paar Balboas bekommen wir eine Fotoerlaubnis und der Tochter kaufen wir ein „Mangoquetschie“. Nenn es Almosen, nenn es Gewissensberuhigung – in solchen Momenten habe ich diesen Impuls. Wir können die Welt nicht retten, wir können das Mädchen nicht zur Schule schicken. Nicht nur das Foto wird sie in unserer Erinnerung halten. Egal wohin wir reisen, wir können nie wegblenden, wie extrem sich unsere Lebensrealitäten unterscheiden. Wir biegen rechts ab und erklimmen die Cordillera Central. Das Auto quält sich. Die Fahrt zieht sich. Rechts und links der Straße sitzen in den Dörfern Frauen die Bananen, Bohnen Erbsen, Ananas, Papayas und Mangos anbieten. Die Dörfer werden kleiner, die Hütten einfacher. Ein paar Balken, Bretter und Palmenwedel für das Dach. Hühner und Hunde laufen auf dem sandigen Boden des Hofes umher. Nach sechs Stunden Fahrt, öffnet sich der Vorhang. Am Horizont blitzt das Blau des Ozeans auf. Almirante liegt vor uns – das dreckige Tor zu einer Inselwelt, die nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden.
Dort wo der smaragdgrüne Regenwald das türkisfarbene Meer küsst liegt die Inselwelt Bocas del Toro. Ein lebendiges Mosaik aus verwunschenen Mangrovenlabyrinthen im Rhythmus der Gezeiten und goldenen Puderzuckerstränden. In den Bäumen des Dschungels klettern Faultiere in Zeitlupe durch das Blätterdach und am Starfish Beach ruhen leuchtende Seesterne im seichten Wasser wie versunkene Sterne. Der Duft von salziger Gischt mischt sich mit dem schweren Aroma tropischer Blüten, während das ferne Rufen der Brüllaffen den Soundtrack für eine Küstenlinie bildet, die mal wild und ungezähmt, mal farbenfroh und voller Leben ist.
Wie überall rollen wir auch in Almirante mit überhöhter Geschwindigkeit ein. Polizeikontrolle? Erst bin ich etwas unsicher, gebe dann aber wieder Gas. Google Maps ist überfordert, den Boots- und Fähranleger zu finden. Wer uns aber schnell findet, während wir suchend umherfahren, sind die Schlepper und Abzocker, die hier auf Touristen lauern. So realisieren wir schnell, dass die Straßenkontrolle am Ortseingang keine war. Auch im Ort versuchen Leute den Touristen ihre überteuerten Dienstleistungen aufzuzwingen. Immer noch werden wir von Einen von Denen, mit einem Fahrrad verfolgt. Doch dann finden wir doch noch unser Ziel und fahren zu seiner Enttäuschung auf den Hof von Gia’s Garage & Home und das Gittertor schließt sich. Gia scheint die netteste Person in Almirante zu sein! Wir haben keine Reservierung und der Parkplatz ist voll. Doch sie nimmt uns trotzdem auf und organisiert alles für uns. Wir müssen erfahren, dass heute keine Fähre mehr nach Colón geht, obwohl der Fahrplan im Internetz etwas anders publiziert. Nun gut, die Fähre wäre ohnehin nicht meine Wahl gewesen. Gia bestellt uns ein Taxi und erklärt uns idiotensicher wie wir zur Isla Bastimento kommen. Auf dem Wassertaxi finden wir gute Plätze direkt vor dem Motor auf dem Benzintank. Los geht´s. Die Plastikschaluppe ist mit 20 Leuten gut gefüllt und donnert über die Wellen. Die Schläge gehen durch Mark und Bein und ich staune, nein ich hoffe, dass die Glasfaserstruktur den dynamischen Beanspruchungen standhalten kann. Auf der Isla Colón wechseln wir das Boot und fahren zur Isla Bastimento, der Insel, die ruhig und naturbelassen sein soll und wo man Faulpelze sehen kann.

Küste in Boca del Toro an einem regnerischen Tag.
Caribbean Grey
Die Palmar Beach Lodge, direkt am Strand des Karibischen Meeres, ist eine Meisterleistung der Hotellerie. Wie man es schafft, dieses Refugium das ständig der salzigen Gischt und dem Regen ausgesetzt ist, in einen neuwertigen Zustand zu halten, ist fast unerklärlich und verdient höchste Anerkennung. Am Morgen ziehe ich los in den Wald, um die Bewohner der Wildnis zu beobachten. Doch nur ein einsamer Waschbär kreuzte meinen Weg – wahrscheinlich auf der Suche nach den Überresten eines überteuerten Bio-Smoothies. Das war’s. Ansonsten herrschte im Unterholz eine Stille, die selbst einen Friedhofswärter neidisch machen würde.
Statt unberührter Natur stolperte ich jedoch über ein weitaus faszinierenderes Biotop: Eine opulente Wohnanlage für Menschen, deren größtes Problem die schiere Masse an Dollarbündeln ist. Wer braucht schon nutzlose Ökosysteme, wenn man auf 400 Quadratmetern klimatisiert residieren kann? Ein Pool im Garten ist natürlich essenziell – besonders in der Karibik, wo das Meer bekanntlich nur zu Dekorationszwecken existiert.
Die „Se Vende“-Schilder und die verschwitzten drei Jogger, die mir begegnet sind, lassen allerdings vermuten: Die Nachfrage nach dieser exklusiven Isolation hält sich in Grenzen.
Der Himmel hat sich seit gestern für ein dezentes, durchgehendes Grau entschieden. Die Wettervorhersage sagt für unsere letzten Tage in Panama eine Schlechtwetterfront voraus, die so hartnäckig ist wie ein ungebetener Gast. Aber hey: Niemals aufgeben! Wir haben heute die Entdeckung gemacht, dass man im Karibischen Meer auch baden kann, wenn die rote Fahne weht und es regnet.
Es gab sogar noch ein Lebenszeichen aus den kläglichen Überresten dessen, was man hier noch Wald nennen darf. Wir haben tatsächlich neun Erdbeerfröschchen (Red Frogs) gefunden. Winzig, rot und herrlich unbeeindruckt von Immobilienpreisen oder Regenfronten. Der Regen trommelt auf das Dach und wir sind zur Erholung gezwungen bis sich die Dunkelheit über den Tag legt.

Dreifingerfaultier mit jungem Faulpelz.
Die Kunst des Findens
In den feucht-warmen der Küstenwäldern der Isla Bastimentos lebt das wohl entspannteste Wesen der Welt. Wer ein Faultier in den dichten Kronen der Cecropia-Bäume – ihrer absoluten Lieblings-Snackbar – entdecken will, braucht Nerven aus Drahtseilen. Minutenlang starrst du gebannt auf einen braunen Klumpen in zehn Metern Höhe, das Shirt ist schon lange durchgeschwitzt, der Finger liegt am Auslöser, nur um enttäuscht festzustellen: Es ist wieder nur ein verlassenes Termitennest. Da gestern anhaltender Regen die Suche unmöglich gemacht hat, bleibt uns nur dieser eine letzte Tag.
Während wir uns durch das Unterholz kämpfen, stolpern wir ständig über die leuchtenden Red Frogs, die hier so zahlreich im Laub sitzen, als hätte jemand eine Tüte bunter Bonbons über der Insel ausgekippt. Doch unser eigentliches Ziel bleibt unsichtbar. Geduld und Hartnäckigkeit sind die unerbittlichen Grundregeln der Wildlife-Fotografie, doch langsam schwindet die Hoffnung. So gehen wir nach einer kurzen Pause den Weg zum Bootsanleger. Und genau dort, wo die Wildnis auf die Zivilisation trifft, passiert es: Ein Schatten bewegt sich. Direkt über uns in den Zweigen finden wir sie endlich – eine ganze Familie. Das Highlight: Ein winziges Jungtier, das sich schutzsuchend in das zottelige Fell der Mutter klammert. Die Lektion von Bastimentos ist ein weiteres Mal – man den ganzen Tag erfolglos durch den Dschungel streifen und dann findet man die Wildtiere in direkter Nachbarschaft zum Menschen.
Abgerundet wird der Tag durch eine Bootstour zur Biolumineszenz. Dabei erzeugt Meeresplankton (Dinoflagellaten) bei Bewegung ein magisches Licht im Wasser. Dieses faszinierende Naturphänomen hatte ich bisher noch nie gesehen. Auf dem Rückweg erwische ich noch einen kleinen Kaiman, der etwas unaufmerksam ist und sich von mir greifen lässt. Sogleich fängt es an nach seiner Mutter zu rufen. Ich warte besser nicht bis Mutter Krokodil kommt und die Einladung zum Abendessen missversteht und lasse das verschreckte Kerlchen wieder laufen.

Ein 1979er Freightliner FLT mit genieteter Aluminium-Kabine, wird überholt von einem 1984er Freightliner FLC120. Beide fahren für die Central Azucarero de Alanje S.A.
600 Kilometer
Der Preis für den günstigen Mietwagen zahlen wir heute. Während man entspannt in einer Stunde von der Insel Colón zurück nach Pan-City fliegen kann, fahren wir die Rental-Karre 585 Kilometer zurück zu ihrem Zuhause in Panama City.
Unsere Fahrweise würde wahrscheinlich einem Bergrennen würdig sein. Wir jagen die Cordillera hinauf und wieder hinunter. Die Reifen singen in den Kurven. Gewagt überholen wir Busse, Lastwagen und alles was sonst vorsichtig auf der Bergstraße unterwegs ist. Ein Burrito hinter dem Lenkrad geht dank einer guten Beifahrerin trotzdem. Leider erwischt uns ein Polizist mit seiner Laserpistole und es folgt die gleiche Verhandlung wie schon auf der Hinfahrt. Von 75 Dollar runter auf 20 Dollar. Interessant wäre es, das System zu verstehen, wie das hier mit den „Ordnungsgeldern“ funktioniert. Diese Verfahrensweise ist mir jedenfalls sympathischer als die deutsche. Polizisten die den Verkehr und die Geschwindigkeit überwachen gibt es hier jedenfalls fast in jedem zweiten Ort. Die Masse an Polizeipräsenz auf den Straßen ist auf jeden Fall bemerkenswert und zwingt den forschen Autofahrer zu hoher Konzentration. Dann verlassen wir das kühle Hochland und die Nebelwälder von Boquete, der Speisekammer Panamas und das Gebiet, wo der berühmte Geisha-Kaffee angebaut wird. In Chiriquí wechseln wir auf den grauen Asphalt der Panamericana. Vor uns liegen nun immer noch rund 450 Kilometer. Die Rillen und Löcher in der Fahrbahn schlagen den Rhythmus zum Sound unseres Roadtrips. Doch die Illusion von Geschwindigkeit kann schnell schwinden. Ein katastrophaler Unfall, der zwei große Trucks völlig zerstört hat, zwingt zu einer Umleitung. Die „Retenes“: Polizeikontrollen, bei denen Polizisten im Schatten von Bäumen mit Lasern lauern, mit stoischer Ruhe den Verkehr mustern oder einfach nur telefonieren, zwingen zur Geschwindigkeitsreduktion. Je mehr man sich Panama City nähert, je dichter wird der Verkehr und die Tachonadel verweilt öfter bei Null als einem lieb ist. Stau aus Pan-City raus, Stau nach Pan-City rein, Stau überall. Doch irgendwann ist auch die längste Fahrt zu Ende.
Es wird langsam dunkel als wir die Puente Centenario überqueren und nun sind es nur noch drei Kilometer bis zum „Hotel Holiday Inn Panama-Canal“, wo wir von unserem Zimmer in der 6. Etage die Schiffe vorbeifahren sehen können.
Last but not least
Um 7:38 Uhr am Morgen sind wir an der Einfahrt zum Besucherzentrum Miraflores und werden von dem Wachmann an der Einfahrt harsch abgewiesen. Geöffnet werde erst um 8 Uhr! Was für ein absurder Affenzirkus! Wir kommen um 7:55 Uhr wieder und fahren einer Schlange von Autos und Bussen hinterher. Heute Morgen sind fünf Busse von „Mein Schiff“ hier entladen worden und auch der Parkplatz ist schon gut gefüllt. Wir reihen uns in die Schlange, kaufen Eintrittskarten und finden auf dem viel zu kleinen Besucherdeck noch Plätze in der zweiten Reihe. Sinnvollerweise hat man über dem Besucherdeck das Dach weggelassen. Ob sintflutartiger Regen oder brennende Sonne bei 34° Celsius, die Besucher dürfen das auch alles hautnah spüren. An diesem Vormittag werden zwei Schiffe geschleust. Der Sprecher, der die Besucher während ihres Besuches beschallt betont immer wieder, dass pro Tag 36 Schiffe geschleust werden. Was er nicht sagt ist, dass dabei alle Schlepper, Segel- und Ausflugsschiffe mitgezählt werden. Die Besucher erwarten aber das große Containerschiffe oder Tanker geschleust werden und das ist dann doch eher selten der Fall. Mit zwei solcher Pötte hatten wir heute wieder Glück.

Was jeder Besucher sehen will: Lokomotiven ziehen ein Schiff in die Miraflores Schleuse.
Nach zwei Stunden jagen wir weiter zum „Punta Culebra Nature Center“ auf der Amador-Halbinsel und spotten zwei Zweifingerfaultiere von denen eines ein Junges hat. Diese sind hier zwar nicht heimisch, können aber jederzeit zu anderen Refugien wechseln. So schwankt die Anzahl der Zwei- und Dreifingerfaultiere auf der Amador-Halbinsel zwischen fünf und 25.
Am Rand der Altstadt liegt das Café Coca-Cola (XF36+9JQ, Av. Central España). 1903 begannen die Amerikaner mit dem Bau des Panamakanals und Coca-Cola schickte sich an, den Durst der Kanalarbeiter zu stillen. Zu diesem Zweck wurde 1906 eine Coca-Cola-Fabrik errichtet. (Ob die Kanal-Arbeiter 1907 herausgefunden haben das Coca-Cola noch mehr Durst macht?) Der wachsende Einfluss von Coca-Cola veranlasste die Betreiber des Restaurants, den Namen in Coca-Cola Cafe zu ändern. In den 1950er Jahren verklagte Coca-Cola das Café zweimal wegen der Namensrechte und verlor beide Male. Das Café wurde unter anderem von Che Guevara und Fidel Castro im Jahr 1953 besucht, als sie die kubanische Revolution planten. Zu den Gästen zählten auch Juan Domingo Perón und Evita Perón während ihres Exils, Pablo Neruda, Julio Iglesias und Gilberto Santa Rosa. Pierce Brosnan und Daniel Craig waren bei Dreharbeiten zu Filmen in diesem Café.
Vor der Tür spricht uns ein Mann an: „Die Kamera und das Smartphone, sollten wir nicht offen tragen. Das sei zu gefährlich in dieser Gegend.“ Das Casco Viejo ist eine Art Disney World für Touristen. Nur ein bis zwei Straßen außerhalb des für Besucher hergerichteten Viertels, begegnet man bitterer Armut und dem totalen Verfall der Gebäudesubstanz. Wir sahen viele Menschen im Müll nach Verwertbaren suchen. Es riecht nach Fäkalien und Verwesung.
Das war es dann mit der Reise nach Panama, der Welt zwischen zwei Ozeanen. Die heilen Inselwelten und die glänzenden Fassaden von Panama City sind eine Matrix, in die sich Touristen nur allzu gerne begeben, um sich der Illusion einer heilen Welt hinzugeben die im Grunde nicht existiert.


