Auf den Spuren von Puma & Jaguar
12. Oktober 2026 joerg
Hinter den polierten Kulissen der digitalen Welt, weit abseits der totfotografierten Insta-Spots, warten sie noch – die echten, ungezähmten Abenteuer unseres Planeten. Wo der Massentourismus endet, beginnt das Reich der ursprünglichen und gnadenlosen Natur.
Das Pantanal im Herzen Südamerikas ist das größte Binnen-Feuchtgebiet der Erde und die ultimative Safari-Region des Kontinents. Ein schier endloses Labyrinth aus Wasser und Unterholz ist das zu Hause von Wasserschweinen, Riesenottern, Ameisenbären, Tapiren, Kaimanen und der Anakonda um nur einige Arten zu nennen. Im Blau des Himmels ziehen die tiefblauen Hyazinth-Aras, Reiher, Königsgeier und Störche dahin.
Doch alles was hier lebt muss sich dem Wandel der Jahreszeiten unterwerfen. Wenn die erbarmungslose Hitze das Wasser im Pantanal schwinden lässt, wenn Flüsse zu Rinnsalen und Seen zu Pfützen werden, treibt der Durst alle Lebewesen zu den letzten Wasserstellen. Dort drängen sie sich dann auf engstem Raum zusammen. Doch an diesen Rhythmus sind sie angepasst. Wovor sie sich aber alle am meisten fürchten, ist der Geist im Unterholz. Dank seiner perfekten Tarnung verschmilzt er mit der dichten Vegetation, während er sein Territorium mit anmutigen Bewegungen durchstreift. Nur in dem kurzen Zeitfenster der Trockenzeit kann man ihm fast täglich ins Auge sehen, dem Herrscher des Pantanals. Dem größten Jäger Südamerikas. Dem Jaguar.
Tausende Kilometer weiter südlich peitscht der Wind über die patagonische Steppe. Am Ende Südamerikas bäumen sich die Anden ein letztes Mal auf. „Türme des blauen Himmels“ – so nannten die Tehuelche einst diesen Ort in ehrfürchtigem Flüstern. Wie grob gehauene Säulen aus purem Granit, ragen die drei majestätischen Torres-Nadeln empor, um den Himmel selbst zu durchbohren. Sie sind die Wächter einer Landschaft voller Extreme und Dramatik.
Hier hat das Eis die Zeit überdauert, Gräser und Bäume werden vom ewigen Wind gepeitscht und die Elemente ringen im ewigen Tanz. Dramatische Wolkenfetzen fliegen im Zeitraffer über das monumentale Felsenmassiv. Der Torres del Paine Nationalpark im wilden Süden Chiles, ist der heilige Gral für viele Wanderer aus aller Welt und ein Mekka für jene suchenden Seelen, die sich im Angesicht des Ungezähmten verlieren wollen.
Hier, in der rauen Weite des Nationalparks, pulsiert das Leben im Schatten der Gefahr. Die Guanakos lassen die Umgebung nie aus den Augen, denn nur Sekunden der Unaufmerksamkeit können das Leben kosten. Durch das windgepeitschte Gras schleichen Füchse, doch vor ihnen haben die Guanakos keine Angst. Ockerfarben wie das trockene Gras und mit kaum wahrnehmbaren, fließenden Bewegungen schleicht er sich an seine Opfer. Im Torres del Paine ist der Puma der unangefochtene König.
Wer diesen lautlosen Jäger aufspüren will, braucht mehr als nur Glück. Es erfordert eiserne Ausdauer, Tage voller Entbehrungen und den unbedingten Willen, der Wildnis auf Augenhöhe zu begegnen.
Welche Saison ist die Beste?
In den Übergangsmonaten zeigt sich Patagonien von seiner besten Seite für Wildtierbeobachtungen, da der Park fast empty of tourists ist. Durch den drastisch reduzierten Besucherverkehr sind die Pumas deutlich entspannter und wagen sich viel näher an die Straßen und offiziellen Wanderwege heran. Ein besonderes Highlight bietet der Frühling: In dieser Zeit werden die Chulengos – die Guanako-Babys – geboren. Für die Raubkatzen beginnt eine Phase extrem aktiver Jagd in den offenen Ebenen, was die Chancen auf spektakuläre Sichtungen massiv erhöht. Ein praktischer Nebeneffekt sind die kürzeren Tage: Da das Tageslicht im Vergleich zum Sommer begrenzt ist, deckt man mit einer regulären Tagestour zwischen 8:30 und 18:00 Uhr automatisch die dämmerungsaktiven Phasen der Pumas ab, ohne extrem früh aufstehen zu müssen.
Wer die extremen Bedingungen nicht scheut, findet im patagonischen Winter eine faszinierende Kulisse. Aufgrund des Frosts und der intensiven Winde gleicht die Region klimatisch fast einer Todeszone, doch genau das bietet einzigartige Vorteile. Die Pumas folgen den Guanako-Herden hinab unter die Schneegrenze in die tieferen Täler. Auf der geschlossenen Schneedecke lassen sich die frischen Spuren der Tiere perfekt tracken, und die Sichtbarkeit in der weißen Landschaft ist unübertroffen.
Vom Abenteuer zum Algorithmus
Im Flugzeug nach Frankfurt sitzt eine Vertreterin der Gen Z schräg vor mir und scrollt auf ihrem Smartphone. Mit ihrer schwarzen Kleidung, dem perfekt fallenden blonden Haaren, der auffälligen Gesichtsbemalung und den kuratierten Bewegungen, versucht sie sich eine aristokratische Attitüde zu geben. Die einst schmalen Lippen stehen nun so vor, dass bei einer starken Erkältung der Schnodder niemals bis zum Kinn laufen kann. Da wird es mir schlagartig bewusst. Die Generationengraben-Erosion hat ein Stadium erreicht, indem man sich nur noch wundernd anschaut.
Das Reisen, dieses Luxus-Pläsier der „ersten Welt“, wird nun zu Grabe getragen. Wir Boomer erinnern uns noch wehmütig an Zeiten, als Urlaub bedeutete, mit einem faltbaren Shell-Atlas auf dem Schoß in unklimatisierten Autos über die Landesgrenzen zu juckeln, in Südamerika verdorbenes Fleisch zu riskieren und mit Händen, Füßen und einem vergilbten Wörterbuch mit den Einheimischen zu verhandeln. Warum? Um die Menschen in anderen Kulturen, und die Funktionsweise des Räderwerks unsrer Zivilisation, wenigstens ansatzweise zu verstehen.
Millennials und Gen Z haben den Plan vieler Boomer gegen eine sorgfältig inszenierte Kulisse getauscht. Wo früher die Abenteuerlust der Antrieb war, regiert heute die nackte Angst vor dem Funkloch und das neurotische Streben nach der perfekten Ästhetik. Sie reisen nicht mehr, um eine Kultur zu erleben, sondern um sich in ihr mit unzähligen Selfies selbst zu zeigen. Das Eintauchen in fremde Realitäten wurde ersetzt durch das Fotografieren von Infinity-Pools. Ein authentisches Viertel in Bangkok wird erst dann betreten, wenn es auf einem Hipster-Blog für seinen „nachhaltigen Hafer-Latte“ gelobt wurde. Da sitzen sie dann im Leinenhemd, schauen traurig auf ihre Bildschirme oder arbeiten im „Co-Working-Space“ auf Bali für das Gefühl einer nicht vorhandenen Freiheit in prekären Abhängigkeiten.
Und die Gen Z? Diese Spezies hat für sich die Entdeckung der Welt im Grunde komplett aufgegeben. Warum in die letzten Winkel der Erde vordringen, wenn man den exakt gleichen „Aesthetic-Vibe“ auch in einem klimatisierten Airbnb-Studio mit Ringlicht in Berlin-Mitte simulieren kann? Für die Gen Z ist ein Urlaub kein Abenteuer, sondern Content-Produktion. Ein geschichtsträchtiger Tempel in Peru ist kein Ort des Staunens mehr, sondern lediglich ein passabler Hintergrund für einen 15-sekündigen TikTok-Dance. Hauptsache, das WLAN bricht nicht zusammen – denn ein Kulturschock ist heute kein Magen-Darm-Infekt durch Straßenessen mehr, sondern die traumatische Erkenntnis, dass das Hotel kein kontaktloses Bezahlen per Apple Pay anbietet. Ayayi ist eine, von inzwischen vielen KI Bloggerinnen aus China mit Millionen Followern. Die Fraktion der Umweltschützer müsste begeistert sein. Man muss nicht mal mehr irgendwo hinfliegen um Content zu liefern. Doch da sind ja noch die Server-Farmen und ihre Kraftwerke, die dies erst möglich machen.
Ich kapituliere innerlich. Den Content den ich, der Boomer produziert hat, interessiert niemanden mehr. Nicht mal mehr die Boomer! Die haben vielfach schon seit langem auf Wohnmobile und Kreuzfahrtschiffe umgebucht. Das ist sicherer und bequemer. Streng betrachtet hat das Reisen, zum Zweck des Verständnisses zwischen den Völkern, ja auch nichts gebracht. Es gibt nicht weniger Kriege und die Akzeptanz der Kulturen untereinander scheint eher ja abzunehmen. Da kann ich mich nur noch damit trösten, dass ich das alles im Grunde nur für mich mache.
Transpantaneira
Der Staub der Transpantaneira klebt wie eine zweite Haut auf dem Pick-Up, der eine ockerfarbene Staubschleppe hinter sich herzieht. Hölzerne Brücken überspannen ausgetrocknete Flussläufe. Hier und da finden sich noch Wasserlachen, gesäumt von weißen Reihern die auf Fische lauern. Aber auch die Kaimane drängen sich im brackigen Nass. Die Natur ist unbarmherzig in der Trockenzeit. Ein verzweifelter Kampf ums Überleben den nicht alle überleben. Einzelne Kaimane schwimmen bereits mit dem weißen Bauch nach oben in den austrocknenden Lachen. Tot, aufgebläht von den Gasen, bis sie in der brennenden Sonne platzen und zur Nahrungsquelle für die Geier und ihre eigenen Artgenossen werden. Alle warteten sie, auf die erlösende Regenzeit, doch der Klimawandel hat den Takt der Natur längst verschoben. Begann es früher verlässlich im Oktober zu regnen, lässt der Himmel sich nun seit Jahren bis November Zeit.
Daheim denke ich immer an unberührte Natur. An ein scheinbar endloses, grünes Paradies. Doch die Realität spielt meinem Gehirn immer einen Streich. Links und rechts der Piste erstreckten sich riesige Rinderfarmen bis zum flimmernden Horizont. Schlimmer noch sind die Narben der Gier. Seit 40 Jahren wühlen sich hier brasilianische, amerikanische und chinesische Gold-Mining-Companies in die Erde. Sie schürfen bis zu 50 Meter tief, kehren das Unterste nach oben und hinterlassen eine Mondlandschaft. Renaturierung ist nur ein Begriff aus unserem heilen Europa.
Und dann nach 140 Kilometern Gravel-Road ein dichtes grünes Band aus Vegetation. Dazwischen kleine Häuser und dahinter die Lebensader Rio Cuiabá. Wir haben Porto Jofre erreicht. Das Hotel „Porto Jofre Pantanal Norte“ ist das Basislager für die nächste Woche.
Die Jaguare des Panatanal
Im ersten, fahlen Licht der Dämmerung färbt die aufgehende Sonne den Rio Cuiabá orange. Doch die Idylle währt nur kurz. Hundert PS starke Motoren zerreißen die Stille, peitschen das Wasser auf und jagen in rasender Fahrt 40 Kilometer flussaufwärts. Ihr Ziel sind die scheuen Herrscher des Pantanals.
Wenig später drängen sich bereits zwanzig Aluminiumboote dicht an dicht an einer Uferseite zusammen – sie markieren den Ort der ersten Sichtung des Tages. Immer mehr Boote schießen herbei, verkeilen sich ineinander, bis eine regelrechte Insel aus Metall auf dem Wasser treibt. Hunderte von Objektiven, Kameras und Smartphones sind starr auf denselben Punkt am gegenüberliegenden Ufer gerichtet. Dort, majestätisch auf einer alten Baumwurzel gebettet, liegt ein Jaguarweibchen mit ihren beiden Jungtieren. Die Boote belagern die Szenerie, bis die Raubkatzen schließlich im schützenden Dunkel des Dschungels verschwinden.
Diese Faszination hat ihren Preis. Nicht selten werden die Jaguare in ihrem natürlichen Verhalten massiv gestört. Die Wand aus Booten versperrt ihnen den Weg, sodass sie kaum jagen und manchmal nicht einmal mehr den Fluss überqueren können. Erst als es für die Jaguar-Spotter zurück zum Mittagessen geht, kehrt langsam Ruhe ein. Bis zum Nachmittag gehört die Wildnis wieder den Tieren. Angesichts solcher Szenen drängt sich die Frage auf, ob das noch nachhaltiger Tourismus ist?
Die Antwort liegt in der Geschichte der Region, denn die Alternative war weitaus düsterer. Bis etwa 2010 war es im Pantanal traurige Realität, dass Farmer jeden Jaguar erschossen, der sich ihren Rindern oder Ländereien näherte. Die ohnehin schon stark geschrumpfte Population drohte gänzlich ausgerottet zu werden.
Die Rettung begann mit visionären Schutzprojekten. Den Anfang machte 2003 das Gadonça-Projekt, das sich später zum bekannten „Pantanal Jaguar Project“ weiterentwickelte – geleitet von dem Biologen Fernando Azevedo in enger Zusammenarbeit mit der NGO Instituto Pró-Carnívoros und dem WWF-Brasilien. Im Jahr 2011 folgte das Onçafari-Projekt, gegründet vom ehemaligen brasilianischen Rennfahrer Mário Haberfeld, das Jaguare gezielt an Ökotourismus-Fahrzeuge gewöhnen sollte, um den Tieren ihren Schrecken vor dem Menschen zu nehmen.
Doch all diese Schutzbemühungen konnten nur erfolgreich sein, wenn sie für die lokale Bevölkerung eine echte Perspektive boten und finanziell tragfähig waren. Den entscheidenden wirtschaftlichen Wendepunkt brachte der Amerikaner Charles Nunn. Er gründete 2005 das Unternehmen „South Wild“ und begann damit, Jaguare behutsam an die Präsenz von Besuchern und Booten zu gewöhnen. Als 2011 die ersten Touristen anreisten, wurde der Jaguar vom vermeintlichen Schädling zum wertvollen Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region.
Aus diesem Netzwerk entstanden weitere wichtige Initiativen: Die Zoologin Abbie Martin arbeitete zunächst für South Wild, bevor sie 2015 das „Jaguar Identification Project“ ins Leben rief, um die Tiere anhand ihrer Fellmuster individuell zu erfassen. Heute begleitet sie als freie Naturführerin Gäste durch das Pantanal. Der Massenansturm auf dem Rio Cuiabá bleibt eine Herausforderung – doch er ist heute der Schutzschild, der das Überleben der Jaguare sichert.
20.09.2026 37° C, temporäre Regenfälle, Wolke-Sonne Mix, Sichtungen: Medrosa (female), Kairo (cub-male), Selva (cub-male), Bernard
21.09.2026 35° C, morgens stark bewölkt, dann Wolke-Sonne Mix, Sichtungen: Oriel (male), Yellow Anaconda
22.09.2026 30° C, morgens stark bewölkt und Regen, dann Wolke-Sonne Mix, Sichtungen: Marcella (cub-female), Peter (cob-male) both swim, Saseka (mother)
23.09.2026 35° C, ganztägig sonnig; Sichtungen: Saseka (female), Kaluana (male), Pantaneiro (male), Tapir, Giant Otter
24.09.2026 37° C, ganztägig sonnig; Sichtungen: Ousado (male, tracker), Ibaca, Medrosa with cubs
25.09.2026 38° C, ganztägig sonnig; Sichtungen: Medrosa
Realität
Der Fahrtwind ist die einzige Rettung. Bei 38 Grad Celsius brennt die Luft im Pantanal so unbarmherzig, dass man das Aufheulen des Bootsmotors fast mit Erleichterung aufnimmt – das Signal, endlich den Fluss hinunterzurasen und der stehenden Hitze für ein paar Minuten zu entkommen.
Der letzter Tag im Pantanal ist die perfekte Gelegenheit, einmal ungeschminkt zu beschreiben, wie eine Jaguar-Safari in der Realität abläuft.
Wir biegen in den schmalen „Black Channel“ ein und sichten die beiden jungen Jaguare exakt an derselben Stelle, an der wir sie schon am Vortag verlassen haben. Völlig unbeeindruckt von unserer Ankunft dösen die Geschwister im tiefen Schatten unter einem dichten Geflecht aus Uferwurzeln. Die Zeit scheint stillzustehen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit erhebt sich eines der Jungtiere, flaniert majestätisch wie auf einem Laufsteg das Ufer entlang, nur um sich Sekunden später wieder zu seinem Geschwisterchen unter die schützenden Wurzeln zu legen. Das war’s. Mehr Action gibt es erst einmal nicht.
Nachdem wir noch lange vergeblich darauf gewartet haben, dass etwas Spannendes passiert, wirft unser Skipper den Motor wieder an. Wir fahren ein paar hundert Meter weiter. Hier wartet Medrosa, die Mutter der beiden Jungtiere. Sie liegt ebenfalls im Schatten, hingestreckt auf einer dicken Wurzel unter einem Baum.
Und hier beginnt das Geduldsspiel, das den Alltag einer Safari prägt. Wir warten. Und warten.
Die Sonne sinkt langsam gen Horizont. Das schützende Bootsdach ist mittlerweile nutzlos, denn das gleißende Licht brennt jetzt erbarmungslos von der Seite direkt in unsere Gesichter. Man kann gar nicht so viel Wasser in sich hineinkippen, wie man im selben Moment durch alle Poren wieder ausschwitzt.
Ein Blick um uns herum holt uns endgültig in die Realität des modernen Naturtourismus zurück. Ich zähle 25 Boote, die sich im Wasser drängen. Smartphones und riesige Kameraobjektiven sind starr auf die eine Stelle gerichtet, an der Medrosa im Schatten ruht. Die kollektive Anspannung ist greifbar. Jeder hier hofft auf das ultimative Spektakel: dass die Jaguarin aufspringt und einen der Kaimane reißt, die träge im Fluss treiben. Zweieinhalb Stunden verharren wir so in der sengenden Abendsonne. In mir herrscht schon lange eine andere Gewissheit. Die Show ist für uns vorüber. Ein Boot nach dem anderen verlässt den Ort. Als die Sonne den Horizont berührt, machen auch wir uns auf den einstündigen Rückweg ohne dem erhofften Spektakel auf der Speicherkarte. Ein letztes Mal peitschen wir mit dem Boot den Rio Cuiabá hinunter, während der Fahrtwind den Schweiß auf der Haut kühlt.
Dieses Abenteuer begann vor Tagen mit einem „WOW“ – und es endet heute mit einem leisen, ernüchterten „Buh“. Es ist die wichtigste Lektion, die uns das Pantanal zum Abschied erteilt: Auch wenn die Sichtungen der Jaguare hier durch die professionellen Guides fast schon garantiert sind, so kann man das Jagdglück eben nicht kaufen. Die Natur behält hier am Ende immer die absolute Hoheit. Und genau das macht sie so echt.

Ein nicht alltäglicher Anblick pinkfarbenen Granittürme des Torres des Paine Massivs zum Sonnenaufgang.
Puerto Natales
Während des Landeanflugs schaue ich ungläubig auf eine schier endlose, baumlose Weite aus stumpfem Ocker und tiefem Dunkelgrau. Das also soll er sein – der heilige Gral für Naturbegeisterte aus aller Welt? Unter den ausländischen Reisenden, die sich im 19. Jahrhundert hierherwagten, gab es schon kritische Betrachter die diese Gegend als trostlosen beschrieben und ich würde mich ihnen anschließen. Aber gut, ich bin eben auch kein leidenschaftlicher Hiker.
Heute ist Puerto Natales weltweit als das Tor zum legendären Nationalpark Torres del Paine bekannt – doch der Weg zu diesem Ruhm war steinig und von Pioniergeist geprägt.
Wo heute Trekking-Touristen ihre High-Tech-Rucksäcke schnüren, roch es vor über hundert Jahren nach Abenteuer, Schweiß und unberührter Wildnis. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht von den unendlichen, saftigen Weidegebieten nördlich von Punta Arenas. Es lockte furchtlose Männer an, die das raue Land wirtschaftlich bezwingen wollten. Es war der Beginn eines gewaltigen Booms der Schaf- und Rinderzucht, der die Region im Sturm eroberte. Den Grundstein für das heutige Leben legte 1904 ein Mann namens Rodolfo Stubenrauch. Mit dem Bau eines Hotels und eines Lagerhauses nahe dem Natales-Fluss schuf er den ersten strategischen Knotenpunkt für Entdecker, Händler und Siedler. Am 31. Mai 1911 wurde Puerto Natales vom chilenische Präsident Ramón Barros Luco per Dekret offiziell gegründete.
Kurze Zeit später pulsierte hier das industrielle Leben. Die riesige Fleischverarbeitungsanlage „Bories“ – die Puerto Natales Meatpacking Company – schoss aus dem Boden. Fabrikhallen, rauchende Schlote, hölzerne Docks und geschäftige Verladeanlagen prägten das Bild. Hunderte von Wanderarbeitern strömten herbei, angelockt von den Arbeitsplätzen in den Fabriken und auf den gigantischen, umliegenden Estancias. Wo zuvor nur der Wind heulte, machten nun regelmäßig mächtige Handelsschiffe fest, um tonnenweise Fleisch und Wolle über die stürmischen Ozeane bis nach Europa zu bringen. Eine eigene kleine Eisenbahn ratterte unablässig durch das Gelände, um abgepacktes Fleisch und Trockeneis direkt zu den Piers zu transportieren.
Schlendert man heute durch die Straßen der Stadt, hat sich das Bild dramatisch gewandelt. Den Hafen, die Docks, die Fleischverarbeitungsanlagen und die Eisenbahn gibt es nicht mehr. In den Häusern, die so aussehen als stammten sie aus den Gründungstagen befinden sich viele Hostels, Hotels, Tourveranstalter, Autovermieter, Trackingausstatter und Restaurants. Alles ist auf Tourismus ausgerichtet. Kamen 2019 noch 190.00 Besucher pro Jahr sind es jetzt 300.000, welche die Stadt in der Konsequenz vor dem Niedergang bewahren.
Wild
Ich habe mich im Wild Hostel eingecheckt. Zusammengenagelt aus Blech und Holz und zusammengehalten von viel Farbe und Liebe, verkörpert diese Unterkunft das alte Puerto Natales wie kaum ein anderes. Schreitest du durch die knarzende Tür fühlt du dich empfangen wie von Freunden. Hostels dieser Art sind eine absolute Rarität geworden und jedem anonymen Hotel vorzuziehen. Die jungen Frauen, die das „Wild“ betreiben haben hier ihre Kreativität mit viel Liebe zum Detail ausgelebt. In dem gemütlichen Café-Restaurant kann man in aller Ruhe einen Regentag überbrücken. Bei einem Kaffee oder Wein schweift der Blick über die Wände, an denen es immer wieder neue, faszinierende Kleinigkeiten zu entdecken gibt.

Auf Augenhöhe mit dem Puma -direkt an der Straße zum Nationalpark den ich Cat-Walk taufe.
Die zermürbende Suche nach den Pumas im Torres del Paine
Draußen ist es stockdunkel und kalt, als mich das smarte Phone um 5:10 Uhr aus dem Schlaf reißt. Wer den Herrscher Patagoniens sehen will, muss aufstehen, wenn alle noch schlafen. Etwa 100 Puma leben im Gebiet des Torres del Paine Nationalparks, der doppelt so groß ist wie die Fläche des Berliner Stadtgebietes. Der Kampf zwischen den Farmern die sie immer noch erschießen, weil sie eine Bedrohung für ihre Schafe sind und jenen die den Puma schützen wollen dauert hier noch immer an. Die größten Chancen die scheuen Raubkatzen zu entdecken hat man am frühen Morgen, wenn im ersten Dämmerlicht nach der nächtlichen Jagt die Ebenen durchstreifen.
Schon wenige Stunden später, wenn mehr Touristenbusse und Mietwagen über die Schotterpisten rollen, nehmen die Chancen drastisch ab. Die Fahrzeuge und Besucher stören das natürliche Verhalten der Tiere, und bekanntlich schlafen Katzen auch gerne am Tag. Wir erwischen drei Puma (Petaka, Escarcha, anderer ohne Namen) auch tatsächlich am Rande der Straße. Sie passieren die kleine Gruppe der Fotografen im Abstand von nur einem Meter. Das ist einer dieser magischen Momente nach denen ich süchtig bin. Nachdem sich Escarcha mit anmutigen Bewegungen von uns entfernt hat, will unser Guide losfahren.
Ich sage ihm, dass ich, wenn ich alleine wäre dortbleiben würde. Der Hintergrund ist gut, die Landschaft abwechslungsreich und gut einsehbar und alles ist perfekt ausgeleuchtet. Wir fahren trotzdem. Alle anderen und auch das Team der BBC bleiben dort. Ich frage: Warum fahren wir? Es seien zu viele Autos und Leute dort. Ja vielleicht, aber auf jeden Fall weniger als in der Hochsaison! Ich frage warum bleiben die anderen dort? Das seien vielleicht andere Touren. Ähhm – unsere Tour ist eine reine Puma-Tour! Er sagt wir wollen ja noch andere Puma finden. Klar in dem wir wie auch gestern schon endlos durch das Ödlland cruisen, alles mit einem Wärmebild-Fernglas absuchen, um dann vielleicht, aber auch nur vielleicht, mit dem Skope einen braunen Punkt zu entdecken, der dann vielleicht ein schlafender Puma ist. Schon gestern haben wir eine Sichtung verpasst, da wir einen eben solche Tour unternommen und an einem steinigen Flussufer entlanggewandert sind.
Da ich drei Tagen mit demselben Guide unterwegs bin, fällt mir auch auf, dass es ein wichtiger Bestandteil der Tour ist die Gäste mit den spektakulären Pumabegegnungen auf dem eigenen Smartphone zu bespaßen. Ein Puma der ein Guanako reißt. Ein Puma der durch einen Fluss schwimmt und das Skiabenteuer am Fuße der Torres mit einem Freund.
Das ist ja alles ganz nett aber ich schaue mir das nur aus Höflichkeit an. Das jemand, der hier als Tourguide arbeitet, zu solchen Aufnahmen kommt, leuchtet mir durchaus ein. Warum wir eine Pumasichtung für Nichts verlassen dann eher nicht. Es kommt dann genau so, wie es der alte Mann prophezeit hatte! Wir sind 20 Minuten von dem Spot entfernt, als die Meldung durch den CB-Funk kommt, dass die Puma sich wieder der Straße nähern. Vicente unser Guide sagt doch tatsächlich; Umkehren machte jetzt keinen Sinn, besinnt sich dann aber doch eines Besseren. Wir jagen die Gravel-Road zurück zu der asphaltierten Straße, wo sich wenig später, man mag es kaum glauben, die Mutter mit ihren beiden Jungtieren direkt an den Straßenrand in die Sonne legt und sich zehn Minuten lang ablichten lässt.
Was jedoch die Puma-Touren zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass man nur die offiziellen Straßen nutzen darf. Alles ringsum ist „Privat Property“ und man darf das Land, wie das BBC-Team, nur mit einer Sondergenehmigung betreten. Das macht das Aufspüren von Pumas im Gelände fast unmöglich.
Zugegeben ich bin vielleicht etwas speziell und habe gewisse Erwartungen, die jedoch nicht überzogen sind. Dem normalen Besucher, der mit Smartphone oder einer kleinen Kamera anreist, wird das alles sicher genügen. Für den anspruchsvollen Fotografen, der das perfekte, gestochen scharfe Actionbild im Kopf hat, ist das oft extrem frustrierend.
Zwischen den epischen Bildern aus Hochglanz-Magazinen und der Realität vor Ort liegen oft Welten. Selbst die Profis zaubern diese Aufnahmen nicht aus dem Ärmel. Das Naturfilmer-Team der BBC verbringt hier einige Wochen, um genügend Material für eine einzige packende Reportage zusammenzubekommen.
An einem Nachmittag haben wir noch einmal das Glück weit entfernt in einem Wald ein Pumaweibchen und ein Pumamännchen auszumachen. Für gute Bilder taugt das leider nicht aber per Spektiv können wir der lautstarken Paarungszeremonie bewohnen, die mit schmerzerfüllten Rufen zu uns herüberschallt. Ich glaube nur zu gerne unserem Guide, dass dies wohl nur selten zu erleben ist. Am Ende des Tages weicht die Enttäuschung, wieder kein National-Geographic-Cover geschossen zu haben der Erkenntnis, dass eine Puma-Sichtung in dieser extremen Ecke der Welt kein garantiertes Spektakel ist. Es ist die Lektion der Wildnis, die sich ihre Geheimnisse nicht einfach so abkaufen lässt und wir waren erfolgreicher als es ich es erwartet hätte.
Sichtungen
29.09. bewölkt, 10°C, Sichtungen: Petaka with 2 cubs
30.09. vormittags bewölkt, nachmittags sonnig, 12° C, Sichtungen: Puma auf großer Entfernung und nachmittags die „Paarungszeremonie“ durch das Skope
01.10. sonnig mit leichter Bewölkung, 14° C, Sichtungen: Escalarcha with 2 cubs
02.10. regnerisch, 4° C, Tour gecancelt
(ich zähle nur die Sichtungen, von denen Fotos oder Videos möglich waren)
Es gibt etwa 12 Agenturen für Jaguar-Safaris im Pantanal und ebenso für Puma-Safaris im Torres del Paine Nationalpark. Die Preise differieren zu Teil stark. Doch nicht alles was hochpreisig ist, ist auch gut.
Die entscheidenden Faktoren für erfolgreich Fotosafaris sind jedoch Wetter und Glück. Wohnt man in Porto Jofre hat man täglich zwei Mal eine einstündige Hin- und Rückfahrt zum Nationalpark zu bewältigen. Eine Übernachtung auf einem Botel an der Grenze zum Nationalpark ist daher durchaus sinnvoll. Aber Achtung nicht alle Hotelschiffe liegen an der Grenze. Manche auch nahe Porto Jofre. Man sollte sich also vorab über die Dauer der Anfahrt oder den Liegeplatz des Schiffes informieren.
Das gleiche gilt im Torres del Paine Nationalpark. Hier ist das Wetter noch entscheidender. Die besten Veranstalter für Puma-Safaris sind AlSur, Far South Expeditions, EcoCamp Patagonia, Aguila Tours, Explora Patagonia, andBeyond oder Awasi Patagonia. Alle diese Veranstalter dürfen die offiziellen Straßen jedoch nicht verlassen!
Professionelle Tracking zu Fuß und mit Off-Roader findet nur auf den privaten Estancia Laguna Amarga und der Estancia Cerro Guido. Ein solches Arrangement koste pro Tag etwa 1900 €. Die Kosten relativieren sich jedoch, wenn man zum Beispiel zu dritt ist.
Von diesem Abschnitt gab es mal eine kritiklose Schönschrift. Doch ich kann es nicht lassen, die Dinge zu schildern wie sie wirklich sind.
Dieser Beitrag enthält kein Affiliate Marketing oder anderweitige Werbung.
Ich empfehle nur, was sich selbst erfahren, erlebt und für außergewöhnlich empfunden habe.


